»Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?«

In letzter Zeit schwirren mir immer wieder Gedankenfetzen über Identitäten und Selbstbezeichnungen durch den Kopf. Ausgelöst wurde dies durch den Blogeintrag Helfen Identitäten? Es wird persönlich von Bäumchen und weiter angekurbelt durch die (leider nicht mehr online verfügbare) Dokumentation Meine Seele hat kein Geschlecht sowie durch den Text Aneignung und Subversion. von Nadine Lantzsch. Einige meiner Gedankenfetzen sind vermutlich noch nicht ganz schlüssig, aber ich schreibe sie jetzt einfach mal nieder. (Ich hoffe inständig, euch nicht mit irgendwas davon auf die Füße zu treten! Falls doch, sagt es mir bitte, und wenn es nur ein Link oder so ist.)

Bäumchen schrieb:

Ich überlege mir immer, ob ich jemals einen Blog beginnen sollte mit den Worten: Ich bin das und das und das, und ich kämpfe für dies und jenes. Ich fühle mich dann seltsam: narzisstisch vielleicht, zu sehr bemüht darzustellen, was ich bin. Ich weiß auch immer nicht, was diese Dinge dann letztendlich über mich aussagen.

Dieser Gedankengang hat mich sehr beschäftigt, denn ich positioniere mich ja auch immer wieder in bestimmten Bereichen, obwohl ich bei genauerem Nachdenken eigentlich gar nicht genau darüber nachgedacht habe. Und manche Dinge nenne ich ganz bewusst nicht, weil ich sie für irrelevant halte bzw. sie nicht thematisieren will. Noch mal andere Positionen wiederum werden mir von außen zugeschrieben, wie das halt immer so ist.

Einige Dinge sind relativ einfach für mich, klar: mein Alter (ü25/u30 ;)), meine Hautfarbe (weiß) und… hm, mein Geschlecht? Quasi ja – ich bezeichne mich als weiblich, weil ich weibliche Geschlechtsmerkmale habe und ich von der Gesellschaft als Frau gelesen werde und dies akzeptiert habe. Aber heißt das wirklich, dass ich mich als Frau identifiziere, oder fängt die Schwammigkeit hier schon an?

Nach meiner Auffassung ist »Identität« etwas, das mit meinem Selbst gleichzusetzen ist. Daher ist meine Identität eigentlich nur »Puzzle«. Frausein ist ein Teil dieser Identität – aber einer, der mir vorwiegend von außen zugeschrieben wird, den ich von innen heraus nicht wirklich greifen kann und der für mich nicht an erster oder zweiter Stelle meines Ich-Bewusstseins steht.

Antje Schrupp fasste dies ganz toll in einem Kommentar bei Nadine zusammen:

Das Frausein hat mit Identität nichts zu tun, es bezeichnet lediglich eine Position innerhalb eines sozialen Gefüges. Wäre ich allein auf der Welt, wäre ich keine Frau, ich wäre nur Ich. Die Zuweisung des “Frauseins” (wie jedes Geschlechts oder auch allgemeiner jedes sozialen Attributes) geht immer an dem vorbei, was eine für sich selber ist. “Frau” bin ich immer nur in einer Beziehung zu anderen.

Toll! Oder, um es mit einem älteren und berühmteren Zitat auszudrücken:

On ne naît pas femme, on le devient.

»Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.« Dies behauptete 1949 Simone de Beauvoir, und ich gehe mit dieser Aussage konform, auch wenn ich ihr Werk zugegebenermaßen nicht gelesen habe.

Zur »Frau gemacht« wurde ich sogar erst vergleichsweise spät, was vielleicht dazu beiträgt, mich auch heute noch nicht wirklich dazugehörig zu fühlen zu diesem Begriff, der ja nicht bedeutungs-/wertfrei im Raum steht. Als Kind sah ich eher aus wie ein »typischer Junge« (kurze Haare, fast immer in Hosen) und benahm mich laut meinem Umfeld auch »typisch jungenhaft«: ich war (vor)laut, draußen im Dreck oder auf Bäumen unterwegs, kloppte mich mit meinem Cousin um sein Tretauto und durfte grundsätzlich immer alles machen, was der Papa gerade machte (der war Bauarbeiter und hantierte auch zu Hause ständig mit Hammer und Säge, wenn er nicht gerade an seiner Modelleisenbahn baute). Ich wollte durfte kochen oder malern (Papa und Mama), nähen oder mit Pferden trainieren (Mama). Trotzdem liebte ich auch meine Puppen und Kuscheltiere und konnte mich stundenlang mit ihnen und fiktiven »Mama-Papa-Kind«-Szenarien beschäftigen. Kurz: ich durfte alles mitmachen, woran ich Interesse zeigte und wurde eigentlich relativ geschlechternormfrei erzogen, was ich meinen Eltern (und der einen Oma, die ich hatte) sehr zugute halten muss. [Auch später wurde die Hausarbeit – Wäschewaschen, Bügeln, Abwaschen, Putzen, Müllrausbringen etc. – immer gleichmäßig auf alle Geschwister verteilt, egal ob Junge oder Mädchen. Das alles wollte ich allerdings nie wirklich machen. ;)]

Aber (es kommt ja immer ein Aber) ich hatte meine gesamte Kindheit durch große Probleme, Freund_innen zu finden. Die Jungs wollten nicht mit mir spielen, weil ich offiziell ein Mädchen war, die Mädchen nicht mit mir, weil ich mich zu jungenhaft benahm. Letzteres war mir lange Zeit egal, denn ich wollte ja bei den Jungs mitspielen; da ich dies aber nicht durfte und auch bei den Mädchen kein Asyl fand, blieb ich stattdessen viel allein und flüchtete mich sehr früh in die Welt der Bücher. Meine liebsten Geschichten (oft sehr pferdelastige Bücher :D) handelten dabei fast immer von starken Mädchen, die ich auch alle sein wollte, und bereits sehr früh geriet ich an Jugendbücher über schwule Jungs, die mir zeigten, dass Jungs auch »schwach und hilflos« sein konnten. Reine Mädchenmagazine, -bücher oder –serien konsumierte ich hingegen nie. Seit meinem zwölften Lebensjahr rutschte ich zudem in den Teil der Anime-Szene ab, in dem wir ständig mit Geschlechterrollen spielten und von denen heute wohl ein großer Teil als queer bezeichnet werden würde.

Zwischenzeitlich war es so, dass ich den Anschluss an die »Außenwelt« ziemlich verloren habe bzw. sie mir völlig egal war. So ist es aber nicht geblieben, denn das Außenseitertum, das ich geführt habe, kollidierte ständig mit der Realität um mich herum, oft ausgedrückt durch M+bb+ng, wie ich ja schon im letzten Beitrag andeutete. Auch meine Eltern fanden immer mehr, es wäre so langsam mal Zeit, aus meiner Blase raszuklettern und mich an mein Umfeld anzupassen. Ich gestehe, ich war die Ausgrenzungen auch Leid – ich wollte schließlich gemocht werden. Vor allem, als ich feststellte, dass ich auf Mädchen stand und das Gefühl hatte, mir damit gleich noch einen Stein in den Weg der Sympathie gelegt zu haben.

Als ich die Schule verließ, wollte ich mich nicht mehr so anders fühlen; daher fing ich mit einundzwanzig Jahren an, mir die Haare wachsen lassen, mich anders zu kleiden, »Mädchenkram« zu mögen (hat selten geklappt) und mich mehr wie eine »richtige Frau« zu benehmen. Vieles davon war, rückblickend betrachtet, schlichtweg lächerlich, weil das nicht ich war. Aber trotzdem muss ich zugeben, dieses gesellschaftliche Spiel ein paar Jahre lang mitgespielt zu haben.

Einige Verhaltensänderungen sind mir tatsächlich in Fleisch und Blut übergegangen, weil sie immer wieder positiv hervorgehoben wurden und mir Lob gut tat. Andere davon habe ich inzwischen wieder deutlich runtergeschraubt, weil ich die Schauspielerei Leid war. Manche Sachen sind noch immer Experimente, wie das Tragen von Röcken oder Kleidern – ich finde sie hübsch, sie stehen mir oft auch gut, aber ich fühle mich darin noch immer wie ein Clown und hoffe einfach, durch öfteres Tragen mich irgendwann daran zu gewöhnen. Mal gucken. Ich will/muss zudem lernen, nicht so viel auf andere zu hören, sondern mich so zu verhalten, wie ich mir selbst gefalle und »Du benimmst dich ja irgendwie nicht so weiblich!«-Bemerkungen nicht mehr unkommentiert stehenzulassen. Weil, leckt mich doch am Allerwertesten und so. (Aber diese innere Einstellung nach außen umzusetzen ist nicht so leicht für mich, gebe ich zu…)

Zusammengefasst ist »Frausein« für mich also eine dieser zwei offiziellen Gruppen, in die ich halt einsortiert wurde, und daher bin ich trotz meiner Zweifel an dieser aufgedrückten Identität meist solidarisch mit ihr. So, wie ich im Sport will, dass mein Team gewinnt. (Ganz vereinfacht ausgedrückt, denn um Gewinnen/Verlieren geht es hier ja nicht wirklich.) Es ist eine Interessensgemeinschaft, die nur durch die in der Gesellschaft auftretenden Probleme zustande kommt – gäbe es die ganzen Probleme und Normierungen nicht, hätte das Wort »Frau« für mich etwa soviel Bedeutung wie das Wort »brünett«. Aber es gibt die Probleme und Normierungen, sie betreffen mich auch immer wieder, und solange benutze ich diese Selbstbezeichnungen »Frau« oder »weiblich« auch. Nur als Identität verstehe ich »Frausein« nicht wirklich. (Genauso wenig identifiziere ich mich allerdings mit »Mannsein«.)

Puh, soviel Text, und ich bin erst bei der ersten Selbstbezeichnung gewesen. Im Rest fasse ich mich kürzer, versprochen. ;)

Wie sieht es nun mit anderen Identitäten aus, zum Beispiel der Bisexualität? Ich kann und will Liebesbeziehungen mit Männern* und Frauen* eingehen und bezeichne mich daher als bisexuell. Aber ist das dadurch gleich eine »bisexuelle Identität«, oder doch nur eine Selbstbezeichnung, um mich für andere zu positionieren? Schließlich habe ich mit anderen Bisexuellen ja meist gar nicht so viel gemeinsam… und dann bin ich ja auch noch demisexuell, was ich am liebsten immer gleich mitsagen würde, wenn ich mich schon irgendwo oute und dadurch gleich so ein Fokus auf meinem vermuteten Sexualleben liegt (das vielen Menschen klischeehafterweise gleich als doppelt so ausgeprägt erscheint wie bei »nur« Hetero- oder Homosexuellen). Sage ich aber nie, weil ich es komisch fände und auch gar nicht erklären will.

Hm. Kann mensch sich überhaupt über Sexualität definieren?

Und will ich das, wenn diese Definition politisch genutzt wird?

Wo ich schon dabei bin: ich habe mich schon oft in mehr als nur eine Person verliebt, hatte anderthalb Dreierbeziehungen und würde mich daher als polyamorös bezeichnen, bzw. als poly-affin (es waren schließlich nur anderthalb Beziehungen, was weiß denn ich, wie ich in Zukunft fühlen werde). Aber es ist wiederum nur ein winziger Teil meiner Identität, und ich schwanke ja sogar, ob ich es wirklich als Selbstbezeichnung verwenden sollte oder nicht. Zudem scheint mir poly auch politisch/aktivistisch vereinnahmt zu sein, mit Netzwerken und so – damit will ich mich momentan gar nicht beschäftigen. Ich bin ja nicht mal politisch/aktivistisch in Bezug auf Bisexualität (ich mache ein Blog zum Thema, mehr nicht), was aber vielleicht gar nicht auffällt, weil wir im Gegensatz zu den USA kaum bi-politischen Aktivismus haben in Deutschland.

Ich mag auch den Begriff »queer«, aber als Selbstbezeichnung finde ich ihn nicht so hilfreich, weil er meiner (zugegebenermaßen noch nicht sehr informierten) Meinung nach sehr vage ist und von verschiedenen Gruppen vereinnahmt wurde. Ich müsste also immer wieder erklären, welche Bedeutung ich damit verbinde, und daher taugt er für mich nicht wirklich als Zusammenfassung einer Positionierung. Außerdem fühle ich mich auch dafür irgendwie nicht politisch/aktivistisch genug… aber ich will jetzt nicht weiter auf »queer« eingehen, weil diese Gedankengänge ziemlich neu und noch keineswegs ausgereift sind. Ein andermal vielleicht.

Weiterhin gibt es ja noch Selbstbezeichnungen bzw. Positionierungen, die eigentlich keine sind, weil ich sie nie ausspreche. Dabei machen sie einen viel wichtigeren Teil meiner Identität aus – so bin ich zum Beispiel eine weiße Deutsche, was mir eine Menge Vorteile verschafft und mir viele unangenehme Erfahrungen (welche ja wiederum eine Identität prägen) erspart. Ich fühle trotzdem nicht, eine »deutsche Identität« zu haben, denn was soll das sein? Wenn überhaupt, dann sehe ich mich vielleicht noch als Ostberlinerin – alles andere ist für mich zu abstrakt, um es wirklich zu fühlen. Deutsch und weiß thematisiere ich also in meinem Alltag, meinen Blogeinträgen oder meinen Tweets nicht, weil es hier in Deutschland die Norm ist. Dazu am Ende noch mal kurz was.

Andere Dinge thematisiere ich eigentlich nur, wenn sie mir vorgeworfen werden. Wenn zum Beispiel eine Aussage von mir abbügelt wird mit dem Argument, ich käme aus einem gut situierten, bildungsbürgerlichen Zuhause oder wie es so oft heißt. Ich weiß nicht, welche »Gesellschaftsschicht« damit jetzt genau gemeint ist (je nach Kontext der Sprecher_innen vermutlich eine andere), aber trotzdem verspüre ich immer wieder einen automatischen Widersprech-Reflex, da ich 1) die Erste in meiner Familie bin, die einen höheren Abschluss als die Mittlere Reife hat und 2) weiß, wie es ist, von Second-Hand zu leben (bevor es cool wurde) oder sich am Ende jeden Monats Geld zu leihen, weil kein Essen mehr da ist – so sah nämlich der Großteil meines Lebens aus. Aber damit gehe ich nicht hausieren, denn es ist mir unangenehm; außerdem bin ich ja momentan relativ gut situiert (bzw. sind meine Eltern dies inzwischen, und ich habe das Glück, bei ihnen wohnen zu können – auch wenn’s gleichzeitig die Hölle ist). Ich hatte auch seit meinem 14. Lebensjahr die Möglichkeit, Nebenjobs anzunehmen, wozu nicht jede_r die Chance hat. Trotzdem ist dies generell ein Bereich, über den ich noch viel nachdenken muss, bevor ich mich da wirklich positionieren würde.

Auch der Annahme, ich sei gesund und dadurch privilegiert, widerspreche ich nur, wenn sie mir in einem Kontext vorgeworfen wird, in dem ich sie als ungerechtfertigt empfinde. Ja, ich bin auf jeden Fall privilegiert gegenüber Menschen im Rollstuhl, Menschen ohne Sehkraft, Menschen mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten etc., keine Frage. Aber nur weil ich »gesund aussehe«, heißt dies noch nicht, dass ich es auch bin, und ich lasse mir dies daher ungern vorwerfen. Muss ich mich aber deswegen erst näher erklären? Das weiß ich wirklich nicht, weswegen ich meist einfach die Klappe halte… schließlich bin ich mir sehr deutlich bewusst, dass ich trotz allem großes Glück habe, meine Probleme gegenüber Menschen, mit denen ich nicht viel zu tun habe, meist verschweigen zu können. Das Glück hat leider nicht jede_r, und dann kommen die Stigmata und/oder Mitleidsbekundungen. Nein danke, brauche ich nicht. Aber habe ich dann überhaupt das Recht, mich über Fremdbezeichnungen aufzuregen? Ich weiß es nicht.

Meine Gedanken sind hier noch nicht am Ende, aber meine Aufmerksamkeitsspanne ist es gleich. Viel schlauer bin ich noch nicht, welche Selbstbezeichnungen ich auf mich anwenden soll und will, und darüber werde ich auch noch viel nachdenken müssen. Außerdem können sich Identitäten und Selbstbezeichnungen meiner Meinung nach immer wieder ändern, sind kontextabhängig und oft von außen zugeschrieben, was nicht automatisch bedeuten muss, dass sie dadurch weniger »Wahrheitsgehalt« haben.

Was ich jedoch durch die Überlegungen der letzten Wochen für mich selbst mitnehme, ist ein genaueres Beachten der Selbstbezeichnungen anderer und deren Hintergründe. Ich kann vieles nicht verstehen, egal, wie emphatisch ich zu sein glaube. Geht nicht. Ich muss-muss-MUSS also (und das bezieht sich auch auf mein Dasein als weiße Deutsche) immer im Hinterkopf behalten, dass viele Positionen, aus denen ich denke, spreche und schreibe, für mich ein wahnsinniges Privileg sind und ich daher manche Dinge, von denen zum Beispiel People of Color oder Menschen mit Behinderung berichten, nicht oder nur wenig mitfühlen kann. Also auch nicht mitreden, sondern nur zuhören und daraus lernen, wie ich zu bestimmten Strukturen beitrage und ob ich etwas bzw. was ich ändern könnte.

Natürlich beachte ich keine Pseudo-Selbstbezeichnungen à la »Ich bin nicht Rassist/Sexist, aber [rassistischer/sexistischer Kommentar]!« – solche sind für den Allerwertesten. Wenn mich jemand als Rassistin/Sexistin bezeichnen sollte, wird es auch einen Grund haben, über den ich nachdenken muss. Und ja, solche Selbstreflexionen können verdammt schwer fallen (siehe auch hier und hier [letzter Abschnitt]); ich habe mich da vor nicht allzu langer Zeit selbst auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, gebe ich zu. Aber wenn ich schon so viel Zeit im Internet verbringe, kann ich sie auch mal darin investieren, das viele Wissen, das mir andere (meist schon in komprimierter Form) zur Verfügung stellen, auch zu nutzen.

Und für dieses Wissen und Anregen zum Nachdenken danke ich vor allem euch! <3

27 Antworten zu “»Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?«

  1. zwzora 02.11.2011 um 18:59

    Danke für diesen Text! Und den Link zu Bäumchens Text. (den von lantzschi hatte ich auch schon gelesen – also nur um den jetzt nicht auszulassen) Ich könnte mich gerade durch Berge von solchen Identitätsartikeln lesen. Das gibt mir irgendwie immer Ruhe, dass das schon ok so ist, dass ich mich auch so oft „nicht dazu gehörend“ fühle und nicht so genau weiß, wie ich mich nennen soll/will. Gerade das „Frau sein“ ist für mich so ein rotes Tuch. Ich benutz das Label für mich, lass mich auch so nennen, muss aber gleichzeitig den größten Teil der Zuschreibungen zurückweisen (finde aber das Label nicht benutzen irgendwie noch schwieriger). Naja und lesen wie das andere so Handhaben oder bewerten find ich total super (auch wenn ich das gegen null gehend oft kommentiere) und hilft mir in meiner eigenen Orientierung sehr weiter. Also danke nochmal :)

    • Puzzle 04.11.2011 um 7:40

      Mir hilft es auch immer wieder, sowas zu lesen. Und manchmal glaube ich, dass es allen so geht und wir alle glauben, „die anderen“ wären „ganz normal“, obwohl die vielleicht in vielerlei Hinsicht ähnliche Gedanken haben und diese halt auch nur nicht äußern.

  2. Irene 02.11.2011 um 19:39

    Wenn zum Beispiel eine Aussage von mir abbügelt wird mit dem Argument, ich käme aus einem gut situierten, bildungsbürgerlichen Zuhause oder wie es so oft heißt.

    Ich halte ja selbstgerechtes Privilegierten-Bashing für eine Form von Verrohung.

    Zum Thema: Persönlich kenne ich es, dass Leute irritiert sind, wenn klar wird, dass meine Eltern keine höhere Bildung haben. Die Annahme vieler Leute ist wohl, dass Bildung und Intelligenz im Kombipack weitergegeben werden. Wenn ich dann was Intelligentes sage, folgt daraus scheinbar, dass meine Eltern Abi haben müssen. Oder anders gesagt, dass ich eigentlich deutlich dümmer sein müsste als ich bin, weil meine Eltern keine höhere Bildung haben. Dass in der Nachkriegszeit auf dem Dorf fast jeder auf die Hauptschule ging, weil es kaum andere Möglichkeiten gab, interessiert ja praktisch niemand aus dem städtischen Bürgertum. Dort ging man halt aufs Gymnasium, weil man die Möglichkeit hatte, und dachte, man sei eben klüger als andere.

    Linke glauben dagegen, dass es Intelligenz gar nicht gibt. Dann ist jede Bildung und Leistung verdächtig, das Resultat von Privilegien zu sein.

    • Puzzle 04.11.2011 um 7:43

      Hm, dass das bei Linken verstärkt auftritt, würde ich nicht einfach so unterschreiben. Aber an und für sich laufe ich dieser „Intelligenz=Schulbildung“-Meinung echt viel zu oft über den Weg, ja.

  3. haushundhirschblog 02.11.2011 um 22:06

    Der Text ist, liebe Puzzle, tatsächlich verflixt lang. Aber vermutlich verdient die Auseinandersetzung mit dem Thema Identität das auch, weil es ein sehr komplexes und äußerst spannendes Thema ist! Und von Dir ist es auf eine sehr lesenswerte Weise bearbeitet.

  4. Udo Mörs 03.11.2011 um 13:43

    WOW, du bist eine frau? ;D
    ernsthaft, als ich das gelesen habe war mein gedankengang etwa so…
    „okey, er fühlt sich weiblich weil er so offen über ein ernstes thema schreiben kann?“
    „wieso wird er geselschaftlich als frau deffiniert???“
    „er ist eine sie? ô,Ô“
    „oh, falscher post“ xD
    ich wollte eig. etwas anderes lesen…
    nunja, vielleicht lese ich deinen beitrag zu dem thema bei zeiten auchmal, währe vielleichtmal interessant zum thema „geschlechterdarstellung“ ;-)

    und ich finde wirklich das du eine „jungenhafte“ ausdrucksweise hast, das ist weder als kompliment noch als kritik zu sehen, jediglich eine überraschende feststellung, zumal ich bis dahin gelesen habe ohne mitzubekommen das es von jemand anderes stammt ;-)

  5. Udo Mörs 03.11.2011 um 18:10


    leider bekomme ich meine gedanken (während des lesens ;-) nichtmehr zusammen, aber als fazit und auch abschliessend habe ich den eindruck du beschäftigst dich mehr mit deinem geschlecht als mit dir selbst!
    du bist eine frau, so wie ich ein man!
    dir fehlt sozusagen die grundbasis fürs „ich“ empfinden, den dein geschlecht, ob nun naturgegeben oder gesellschaftlich stigmatisiert macht dich nicht zum menschen!, tiere haben auch geschlechterspeziefische rollen, auch in ihren gesellschaften in dennen auch fälle von homo- und bisexualität zu beobachten sind ;-)
    sexuel heben wir uns von den tieren allgemein kaum ab, im gegensatz zu den meisten tierarten haben wir zwar selbst die „kontrolle“ über unsere triebe, was aber mpmn eher als eine raffinierte täuschung der natur zu interpretieren ist, da wir uns jediglich entscheiden können wie, wann und wo wir unsere sexualität ausleben wollen, um uns ihr dann zu unterwerfen…
    ich schweife ab, ich lese diesen text, so wie er geschrieben ist und kann mich nat. einer einordnung in geschlechter nicht erwähren, aber einfach weil ich denkmuster damit assoziiere! ich weiss nicht was du für ein mensch bist, jedes „urteil“ ist textbasierend wenn auch nicht anschaulich bezogen :-( sorry about this!

    vielleicht kann ich später nochmal etwas „besseres“ dazu beitragen, bzw. ausdrücken was ich denke/meine ;-)

    • Puzzle 04.11.2011 um 7:46

      Zum 1. Teil: „Jugendhafte Ausdrucksweise“? Interessant. ;) Ich kann aus schriftlichen Äußerungen selten das Geschlecht herausbekommen, weswegen ich im Internet zum Beispiel viel weniger aufs Geschlecht achte,

      Zum 2. Teil: An und für sich beschäftige ich mich natürlich nicht den ganzen Tag mit meinem Geschlecht oder wer ich überhaupt bin. Das war jetzt in den letzten zwei Wochen mal wieder eine verstärkte Phase, aber es tat gut, es mir mal von der Seele zu schreiben. Und andere Meinungen zu hören über eure Kommentare. :)

  6. John Dean 04.11.2011 um 19:47

    Ich weiß nicht, ob es aus einer bestimmten Perspektive okay ist – aber für mich war immer entscheidender mich zu fragen: Was mag ich? Was beschäftigt mich? Was berührt mich? Was freut mich? Was ärgert mich? Was denken andere über mich (doch, finde ich wichtig)? Wie verhalte ich mich? Wie möchte ich mich verhalten? Welche Pläne schmiede ich? Wovon träume ich?

    Und irgendwann, ganz spät hinter einem Pulk weiterer Fragen kommt dann „die“ Genderfrage für mich. Ich habe es da einfacher, weil – ich bin da nicht so vielfältig. Ich mag Frauen, witzrigerweise habe ich eine leichte Vorliebe für bi-Frauen (was öfter schon auf Gegenseitigkeit stieß), sehe mich vor allem als Mann, überwiegend „cis“ (wie das so neuerdings heißt), usw. Ich mag nach wie vor junge Menschen (so ab 18), mag Kinder, Tiere, Pflanzen, komme mit älteren und alten Menschen gut klar – generell mag ich Gruppen ganz gerne gemischt.

    Ich habe null Probleme mit Menschen, die sich anders positionieren, wobei so ganz stimmt das nicht, bei Männern kann ich Macker- und Motztypen eher schlecht ab, und bei Frauen dito. Auch der Typus der latent aggressiven Butch liegt mir nicht – und all das (s.o.) kann schon mal ein kleines Problem sein, wenn man halt z.B. in der politischen Arbeit auf ebensolche Menschen stößt.

    Aber ist das Identität? Vermutlich ja, irgendwie. Die Summe meiner Erfahrungen ist vermutlich ebenfalls „Identität“, die Summe meiner Vorurteile und das wenig Wissen, das ich habe, wohl auch. Bislang denke ich, „die Menschen sind halt verschieden“, und eigentlich finde ich das ganz wunderbar. Auch ich selbst entdecke bei mir gelegentlich neue Seiten, nicht zwangsläufig immer supere, aber in der Summe bin ich mit mir schon ganz zufrieden – okay, mal abgesehen von einer Hand voll Probleme. Probleme können wohl auch in den Kreis der Identität gerechnet werden, und wenn ich so darüber nachdenke, sogar die Arbeitserfahrungen, der Musikgeschmack usw. hat was „Identitäres“ an sich. Jedenfalls für mich. Aber ist mensch durch Identität festgelegt?

    Das genau denke ich nicht. Und wenn ich so darüber so nachdenke, für mich waren Menschen immer halt „John“ oder „Antonia“ oder „Lara“ oder „David“ usw. Jeder Mensch ist jemand ganz besonderes für sich. Und eben nicht „der Homosexuelle aus Bayern“, „die emanzipierte cis-Hete mit Chefposition in der Computerbranche“, „der Unternehmer“, „der weiße cissexuelle Hetenmann und Computer-Nerd ohne tieferes politisches Bewusstsein“, „die depressive schwarze Künstlerin“, „der lustige lockere Türke“ usw. Menschen sind Individuen mit einer Vielzahl von Möglichkeiten in sich, für die ein ganzes Leben nicht genügt, um sie alle durchzuprobieren. Anders herum, selbst wenn ich jemanden gut zu kennen glaube (mitunter sogar: besonders dann), verblüfft mich dieser Mensch dann früher oder später ganz enorm.

    Puzzle, dir noch viel Freude in den nächsten 50-60 Jahren!

    • Puzzle 06.11.2011 um 11:39

      Ich danke dir. :) Und klar, alles, was du beschreibst, gehört zu einer Identität, halt mehr oder weniger stark. Dennoch:

      Was ärgert mich? Was denken andere über mich (doch, finde ich wichtig)? Wie verhalte ich mich? Wie möchte ich mich verhalten?

      Das ist ja leider Sachen, die du nicht immer selbst bestimmen kannst bzw. die nur durch Einfluss von außen entstehen und vielleicht dein Identitätsgefühl angreifen. Und dann kommt das Unwohlsein, besonders in Bezug auf „Was denken andere über mich?“ – und ich verhalte mich aus diesem grund eben oft anders, als ich eigentlich möchte. Und ärgere mich dann.

      • semiramis 06.11.2011 um 11:51

        Ich kenne das gut, dass mir eine innere Stimme – nach Freud wohl mein meckerndes Über-Ich – immer wieder in die Parade fährt und besonders im Nachhinein Vorhaltungen macht. Und doch frage ich mich, ob das so sein muss.
        Ein kluger Mensch hat mal zu mir gesagt: wir sind keine Schallplatten, in die andere Menschen die Rillen ritzen. Wir werden geprägt durch unsere Umwelt, aber manchmal möchte ich schon selbstbestimmter, ja autonomer sein. Auch wenn auch der freie Wille des Menschen mehr Mythos als alles andere ist, können wir uns schon entscheiden, wie wir leben und wie mit unserer Umwelt umgehen. Da sehe ich schon das revolutionäre Potential vom Spiel, das Butler bei den Geschlechterverhältnissen gesehen hat.

        • Puzzle 06.11.2011 um 11:59

          Ich bewundere ja alle Menschen, die ein so starkes Selbstbewusstsein haben, dass sie bestimmte Normen über den Haufen werfen. Und das färbt tatsächlich in mancherlei Hinsicht auch auf mich ab, besonders, wenn ich direkten Kontakt zu ihnen habe. Weil es wiederum auch Halt gibt, wenn andere im Umfeld ähnlich denken und handeln. Oder wenigstens nicht (laut) urteilen.

          (Freud. Über-Ich. Bäh! ;P)

  7. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Identitäten, Erklärbär_innen und antiqueere Tendenzen – die Blogschau

  8. semiramis 05.11.2011 um 12:06

    Liebe Puzzle, ich musste deinen Text über die letzten Tage mehrmals lesen, weil er mehrere Gedankengänge in mir freisetzte. Mir ging es da vielleicht wie dir. Ich danke dir für deine persönlichen, wunderbaren Worte. Und der Text musste dafür eigentlich auch länger werden, denn gerade die Frage(n) nach Identitäte(n) sind einfach zu vielfältig.

    Ich las gestern im Zuge der Vorbereitung für einen Vortrag folgenden Satz über gay texts: „The texts […] presume that sexuality is the central fact of human life and the central ingredient of identity […].“ Als ich Anfang des Jahres nach meiner Reise nach Japan über San Francisco zurückkam, hatte ich mir die Stadt aus einem bestimmten Grund als Endpunkt einer Reise ausgesucht. Denn ich war auf der Suche nach meinen Identitäten.
    Beauvoir schrieb 1948, dass wir zu Frauen gemacht werden. Das interessante daran war und ist, dass sie Männer einfach sein lässt. Und dass obwohl sie Männer als Transzendenz beschreibt, als Werdende und Machende, während Frauen Immanenz, also immer Seiende und Bleibende sind. So habe ich sie verstanden: sie erzählt von der Dichotomie von Aktiv und Passiv etc. Und bei ihr ist ersteres immer vorzuziehen, womit sich ja gerade die zweite Frauenbewegung kritisch auseinandersetzte.
    Mir geht es aber – und vielleicht sollte ich das einmal an anderer Stelle ausformulieren – darum, dass wir nach Judith Butler mit unsere Rollen spielen, die von außen an uns herangetragen werden, die wir aber bewusst ausfüllen können und sollten. Ich habe mich in SF gefragt: möchte ich mich als lesbisch definieren? Will ich mich nur nicht festlegen, wenn ich es nicht tue? Oder schränke ich mich ein, wenn ich es tue. Da ich aber meine Identitäten politisch begreife – und selbst diese Entwicklung zur sozialistischen Feministin kann ich nicht einfach zurückschrauben -, wollte ich mich in die Geschichte und Kämpfe einordnen (siehe Eingangszitat). Ich will diese Öffentlichkeit, weswegen ich mich ganz bewusst zu Identitäten bekenne. Und das ist – wie du das so schön beschreibst – auch ein Kampf mit Rechtfertigungen und Anfeindungen. Manchmal mag ich das auch nicht (mehr).
    Dass ich damit manchmal meine eigene Position in Machtgefügen aufgrund von Privilegien nicht sehe, muss ich einfach eingestehen. So kenne ich mich mit den Theorien der critical whiteness überhaupt nicht aus und muss mich immer auf die feministische Solidarität zurückziehen: Ich kann Menschen immer nur für sich selbst sprechen lassen, das kann ich nicht für sie.

    Ich weiß nicht, ob ich hier gerade „deraile“, aber mir gingen so einige Gedanken durch den Kopf. Und dafür möchte ich dir danken.

    • Puzzle 06.11.2011 um 11:47

      Hihi, danke für den erklärenden Einschub hinter Transzendenz und Immanenz, sonst hättest du mich gleich verloren. Philosophie ist mir echt zu hoch, habe (nach dem Studieren vieler Wikipedia-Artikel) den Wunsch nach Verstehen erstmal aufgeschoben. Und wie gesagt, ich habe weder Beauvoir noch andere Feminist_innen gelesen (dazu fehlt mir momentan schlichtweg die Zeit), finde die Theorien aber trotzdem spannend und glaube auch keineswegs, dass sie keinen Bezug zur Praxis haben, es wie es leider oft vorgeworfen wird.

      Danke jedenfalls für deine Sicht. Ich finde es gut, wenn du dich politisch positionierst/identifizierst. Es muss viele verschiedene Vorgehensweisen geben in der Gesellschaft, sonst wird dat nüscht!

      • semiramis 06.11.2011 um 12:01

        Oje. Oh gut. Ich frage mich manchmal – und da kommt meine nagende innere Stimme ins Spiel (s.o.) -, ob mich die Welt versteht oder ich sie. Ich befürchte dann nämlich, paternalistisch von Oben herab die Erklärbärin zu spielen. Ich mache das aus Gewohnheit, weil ich mir meistens meine eigenen Gedanken selbst erklären muss. So seltsam das klingen mag. So viel zu meinen Identitäten und vor allem deren Krisen…

        „Es muss viele verschiedene Vorgehensweisen geben in der Gesellschaft, sonst wird dat nüscht!“ Das finde ich doch einmal ein wunderbare Positionierung. Ganz ehrlich. Ich mag deine Offenheit für Themen und deine biografische Herangehensweise. Das ist in meinen Augen schon sehr politisch, aber ich will dir da von außen nichts aufdrängen…

  9. delilah 05.11.2011 um 19:26

    ich teile deine einschätzung zum frausein. in diesem zusammenhang fand ich diesen text hier spannend. (achtung: spricht sich explizit gegen identitätspolitik aus und ist ziemlich akademisch.)

    http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=254&print=

  10. deef 06.11.2011 um 13:52

    Hallo Puzzle,

    Du schreibst: „Kann mensch sich überhaupt über Sexualität definieren? Und will ich das, wenn diese Definition politisch genutzt wird?“

    Was meinst du mit dem zweiten Satz genau und worin siehst du Probleme?

    • Puzzle 06.11.2011 um 15:18

      Hm, das ist tatsächlich einer dieser noch nicht beendeten Gedankengänge (daher auch als Frage formuliert). Vielleicht ist „politisch“ auch gar nicht das richtige Wort – ich bezog mich da auf Nadines Aussage:

      Eigentlich wollte ich etwas zu politischen Selbstbezeichnungen schreiben. Und warum ich nicht der Meinung bin, dass die jede_r für sich selbst benutzen sollte, wie es ihm_ihr beliebt. […] Mittlerweile habe ich mein Lesbisch-Sein weiter internalisiert und zunehmend politisiert.

      Was genau sich hinter „politisieren“ (Nadine) bzw. „politisch genutzt werden“ (ich) verbirgt, versuche ich noch, zu erkennen. Es scheint mir aber so, als stünde hinter den Worten „schwul“, „lesbisch“ etc. auch eine bestimmte Politik, wie ja auch semiramis in ihrem Kommentar mitklingen lässt.

      Es ist ja auch z. B. so, dass viele Personen, die von sich sagen, eine bestimmte sexuelle Identität zu haben, dann zu oft auf diese „reduziert“ bzw. es immer wieder thematisiert oder miterwähnt wird („der schwule Bürgermeister“ etc.). Andererseits weiß ich auch, dass es für viele Leute wichtig sein kann, wenn es heißt, dass sogar der Bürgermeister schwul ist und dass das „gar nichts Schlimmes“ ist – quasi als Vorbild (also bei berühmten Personen).

      Ebenso finde ich es nicht gut, dass es die Nicht-Heteros sein sollten, die für die LGBT*Q-Rechte kämpfen – das meiste davon sind Menschenrechte, und jeder anständige Mensch sollte dafür kämpfen. Aber so ist es in der Realität ja leider nicht.

      • deef 06.11.2011 um 16:28

        Ich persönlich definiere mich in meiner Gänze über zahllose Eigenschaften. Meine sexuelle Orientierung ist nur eine davon und an sich in etwa so unpolitisch, wie meine Vorliebe für Egoshooter oder mediumgegrilltes Rindfleisch.

        Politisch wird es dann, wenn ich mich öffentlich zu Bisexualität äußere, weil es Ahnungslosigkeit und Vorurteile gibt, wenn ich einen offenen Brief zum Thema „sogenannte Killerspiele“ schreibe, weil nach einem Amoklauf Videospiele als Ursache verunglimpft werden und dann, wenn (erfundenes Beispiel) irgendwelche Vorurteile geben Steakliebhaber den öffentlichen Diskurs beherrschten – dann würde ich mich sogar als Fleischesser politisch äußern.

        Die Eigenschaften an sich (bisexuell, Videospiel mögend, Rindfleisch essend und vieles andere mehr) sind nicht politisch, sondern deskriptiv.

        • semiramis 08.11.2011 um 21:11

          Das Spannende ist, dass wir uns gerade an deiner letzten Aussage wunderbar streiten können:

          „Die Eigenschaften an sich (bisexuell, Videospiel mögend, Rindfleisch essend und vieles andere mehr) sind nicht politisch, sondern deskriptiv.“

          Denn Puzzle schreibt:

          „Es ist ja auch z. B. so, dass viele Personen, die von sich sagen, eine bestimmte sexuelle Identität zu haben, dann zu oft auf diese „reduziert“ bzw. es immer wieder thematisiert oder miterwähnt wird („der schwule Bürgermeister“ etc.). Andererseits weiß ich auch, dass es für viele Leute wichtig sein kann, wenn es heißt, dass sogar der Bürgermeister schwul ist und dass das „gar nichts Schlimmes“ ist – quasi als Vorbild (also bei berühmten Personen).“

          Im Gegensatz zum Fleischkonsum oder zu Egoshootern, die durchaus gern für politische Auseinandersetzungen benutzt werden, geht es bei Sexualität um mehr. Und die Politisierung wird von außen heran getragen. Nicht von ungefähr wird seit der Entstehung der modernen (kapitalistischen) Kleinfamilie darüber diskutiert, was Homosexualität eigentlich ist. Es bedurfte solcher Institutionen (nach Foucault) wie der Medizin, der Kirche, des Staates, um die Familie zu definieren und damit deren Abweichungen. Sich in diese Tradition der Bewusstwerdung als Teil einer Gruppe (u.a. Homosexuelle als „Spezies“) einzuordnen oder sie abzulehnen, ist immer ein Politikum. Denn Worte können erst einmal nichts beschreiben, sie werden mit Inhalten und Definitionen gefüllt. Und diese sind historisch belegt, sogar vorbelastet. Das gilt besonders für Sexualitäten. Was sind die Inhalte von der Begriffen wie „Heterosexualität“, „Homsexualität“, „Bisexualität“? Eure beiden Podcasts zu dem Thema zeigten wunderbar, wie politisch aufgeladen die Begriffe sind. Sie sind immer eine Auseinandersetzung mit unserer heteronormativen Umgebung; sobald wir uns als …-sexuell titulieren und damit bewusst als eben nicht heterosexuell bezeichnen. Sie sind Standpunkt, sobald sie ausgesprochen werden. Sich innerhalb eines Spektrums von Hetero und Homo oder etwas gänzlich anderes zu begreifen, kann meiner Ansicht nach also nie rein deskriptiv sein.

          • deef 08.11.2011 um 23:21

            Hallo Semiramis,

            du schreibst: „Und die Politisierung wird von außen heran getragen“.

            Stimmt. Und ich schrieb: „Die Eigenschaften an sich (…) sind nicht politisch, sondern deskriptiv.“ und mit „an sich“ meinte ich innen, in mir, im Gegensatz zu von außen herangetragen.

            Der Unterschied zwischen innen und außen ist aus meiner Sicht sehr wichtig. Die Frage ist, wie sehr ich das „von außen heran tragen“ in meinem Inneren akzeptiere oder wie viel Relevanz ich (schädlichen) externen Einflüssen zugestehe. Den unterbewussten Teil dieser Einflüsse kann ich nicht draußen halten. Den bewussten schon. Mein Urteil über mich, treffe ich immer noch selbst. Für mich persönlich hat es sehr gut funktioniert, mir erst selbst darüber klar zu werden, wer ich bin und was ich will, bevor ich darüber nachdenke, was andere davon halten könnten.

  11. John Dean 06.11.2011 um 23:36

    Das ist ja leider Sachen, die du nicht immer selbst bestimmen kannst bzw. die nur durch Einfluss von außen entstehen und vielleicht dein Identitätsgefühl angreifen. Und dann kommt das Unwohlsein, besonders in Bezug auf „Was denken andere über mich?“ – und ich verhalte mich aus diesem grund eben oft anders, als ich eigentlich möchte. Und ärgere mich dann.

    Das kann ich gut verstehen. Ich kenne das auch ziemlich gut, obwohl ich es mir viele Jahre in meinem Leben nicht eingestehen konnte, wie sehr ich mit meinen Handlungen auf Anerkennung durch andere zielte. Ich hatte mal einen richtig ausgewachsenen Helfertick.

    Das Schöne am Langsamälterwerden ist imho auch der Reifungsprozess (wobei ich mir z.B. von Deef gerne noch allerhand Dinge abgucken möchte – seine menschliche Reife hätte ich gerne) und dazu gehören auch einige Erkenntnisse über sich selbst. Den Helfertick bin ich jedenfalls los, und das, ohne (m)einen Schuss Idealismus völlig zu verlieren.

    Aber so schön es auch sein mag, „in sich“ zu ruhen, mensch ist und bleibt ein soziales Wesen und immer in einem gewissen Maß von der Anerkennung anderer abhängig. Das kann mitunter fatal sein, z.B., wenn mensch prekarisiert oder marginalisiert ist, oder durch sein Anderssein Angriffsflächen bzw. ein zu geringes Solidarisierungspotential bietet, aber auch, wenn mensch sich selbst aus Wunsch nach Anerkennung zu falschen Kompromissen zwingt. Wenn aber Kompromisse wirklich etwas bringen, ohne dass man sich selbst damit untreu wird: dann muss das nicht unbedingt etwas Schlimmes sein.

    Aber den Punkt genau zu erreichen, wo mensch nicht zu viele und falsche Komprimisse macht: Das finde ich schwierig. Bei mir liegt die Problemlage vermutlich anders als bei dir – in manchen Dingen bin ich zu kompromisslos, zu eigensüchtig – zum Beispiel dann, wenn ich meine Meinung zum Ausdruck bringe – und andere damit kränke.

    Beispiel: Mein Eindruck ist z.B., dass die guten Motivationen hinter „politisch korrekter Sprache“ sich in der politischen Praxis oft ins Gegenteil verwandeln, und z.B. Linke dazu verführen, andere Linke wegen sprachlicher Details oder Abweichungen zu kritisieren oder gar auszuschließen – unter Linken also vermehrt falsche Konflikte auslösen an Stelle wirksamer Aktion für die Belange von Benachteiligten. Wenn ich aber gerade in Stimmung bin, verpacke ich diese Kritik in verletzenden Spott. Tja: Falsche Kompromisslosigkeit.

    Eine allgemeine Philosophie, wann mensch anderen zuliebe welche Kompromisse macht, habe ich nicht. Ich versuche dazu zu lernen.

  12. Bäumchen 08.11.2011 um 11:47

    Hey Puzzle
    Melde mich verspätet. Bin aber sehr stolz, dass du meinen Post verlinkt hast, danke dafür und echt cool, dass es dich auch neben anderen zu einem sehr schönen eigenen Post angeregt hat. Ich finde die Länge gerechtfertigt :-), weil mensch die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität kaum kurz fassen kann. Mich wundert es nun fast, wie kurz mein eigener Post darüber war, ich hab ja eigentlich nur Stichwörter hingeblättert. Was ich so spannend finde an so einem Prozess ist das Benennenkönnen dessen, in was eine*r hineingeraten ist. Ich bin mir oft unsicher bezüglich Dingen, die mir passiert sind, ob sie überhaupt relevant sind, meistens schweben sie namenlos in meiner Erinnerung herum. Wenn ich es dann bei anderen Menschen höre oder lese, freue ich mich immer, weil ich denke: ,,So was kenne ich!“, und ich konnte es zuvor oftmals nicht in Worte fassen. Und fühle dann auch Erleichterung darüber, dass soetwas überhaupt benennbar ist. Aber ich finde es auch gut und wichtig, die Unterschiede wahrzunehmen und herauszustellen. Deshalb vielen Dank für deinen Post, ich finde ihn sehr spannend!

  13. Maik 08.11.2011 um 20:04

    Lehrreicher Blogpost. Bereichernd, wenn man sowas auch mal aus einem anderen Blickwinkel ansehen kann.

  14. Pingback: Feminismus 101 – Teil 13 – Sagen Feminist*innen, dass Geschlechter nicht existieren? | Feminismus 101

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