Alles nicht so einfach…

Die Themen des SlutWalks lassen mich auf verschiedene Weise nicht mehr los, und ich musste meine Gedanken der letzten Tage einfach mal aufschreiben… wollte das erst nicht veröffentlichen, aber andererseits habe ich dieses Verhalten ja auch schon einigen hier Mitlesenden gegenüber an den Tag gelegt und mich hinterher dafür sehr schlecht gefühlt. [Kommentare sind deaktiviert – keine Macht den Trollen und so!]

Ich muss sagen, ich bin total erschrocken, wie viele Menschen (größtenteils Frauen) schon Erfahrung mit sexueller Belästigung oder gar Vergewaltigung gemacht haben… allein dieser Artikel sowie die dazugehörigen Kommentare bei der Mädchenmannschaft sind unglaublich deprimierend. Zum anderen erschreckt es mich viel mehr, wie viele dieser Situationen ich schon selbst erlebt und irgendwann einfach als unvermeidbar wahrgenommen habe, als Situationen, mit denen ich »halt umgehen muss«, in denen ich Gott sei Dank bisher immer recht glimpflich davongekommen bin, in denen es nie zu mehr als »nur« anzüglichen Kommentaren oder mal einer Hand an falscher Stelle kam, die ich abschütteln konnte, um zu flüchten.

Die wenigsten dieser Situationen hatten irgendetwas mit meiner Kleidung zu tun, wobei ich es genau in diesem Moment schon wieder scheußlich finde, dies überhaupt erwähnen zu müssen – aber »falsche Kleidung« ist ja trotzdem etwas, gegen das beim SlutWalk vehement protestiert wird. Zu diesem Thema habe ich mich aber bereits an anderer Stelle ausgekotzt:

Das Wort „aufreizend“ [fiel] oft auch bei Bildern, auf denen die Frauen einfach nur Röcke trugen, oder Spaghettiträgertops, oder schulterfreie Oberteile. Die Bezeichnung „aufreizend“ in Bezug auf solche Kleidung impliziert für mich, dass eine Person A eine Person B reizen will, also so, als wäre es Absicht, als stünde ein Ziel dahinter, diese Kleidung zu tragen. Sicherlich gibt es das auch oft, dagegen spricht ja nix – aber warum darf ich als Frau solche Kleidung nicht aus Bequemlichkeit tragen, oder weil es draußen verdammt heiß ist, ohne dass es kommentiert wird? Wird denn ein Mann im Tanktop, in kurzen Hosen oder oben ohne als „aufreizend“ bezeichnet? Habe ich noch nie so gehört. Ergo höre ich damit heraus, dass es weibliche Beine und Brüste sind, die als „Reiz“ gelten und durch die Kleidung betont werden, um andere „aufzureizen“. Woraus dann wiederum zu oft der Schluss gezogen wird, „sie habe es ja so gewollt“ […].

Am meisten erschrickt es mich aber, dass ich für ein deutliches »Nein heißt nein!« auf die Straße gehe, es im eigenen Leben aber meist einfach nicht gebacken kriege, deutlich genug – oder überhaupt – nein zu sagen. Das ist es, was mich in den letzten Tagen wieder vielfach beschäftigt, immer mehr Erinnerungen an solche Situationen hervorruft und mich wütend auf mich selbst macht.

Ich werd jetzt nicht ins Detail gehen, aber grob gesagt verläuft mein innerer Gedankengang viel zu oft so: Person XY wird mich auf Dauer nur dann nett finden und mögen, wenn ich tue, was er_sie von mir erwartet (bzw. wovon ich glaube, dass es erwartet wird) – sei es küssen, sei es Sex haben, sei es was-weiß-ich. Während ich also oft mit- und gute Mine zum »bösen Spiel« mache, steht ein Teil von mir neben mir und ohrfeigt mich links und rechts für mein eigenes Verhalten, weil ich ja weiß, dass das so nicht richtig ist… manchmal schaffe ich es auch, nein zu sagen, aber es fällt so verdammt schwer. Und spätestens nach zweimal nein sagen empfinde ich es z. B. in einer Beziehung als anmaßend, es beim dritten Mal auch zu tun. Dass das dumm ist, dass ich, wenn es mir nicht gut geht, auch zehn Tage in Folge »Nein, ich will jetzt nicht.« sagen kann, ist mir theoretisch bewusst, praktisch aber habe ich nicht die innere Kraft, es umzusetzen bzw. mit der sichtbaren Enttäuschung des_der anderen umzugehen. Allein durch diese inneren Selbstzweifel mache ich Beziehungen auf manchen Ebenen natürlich wahnsinnig anstrengend für mich selbst.

Dennoch kann ich aber schlecht beim SlutWalk auf die Straße gehen und »Auch wenn ich ja sage, meine ich das nicht immer so!«- oder »Merkst du nicht, dass meine ganze Körperhaltung nein schreit, egal, was mein Mund sagt?«-Schilder schwenken. :( Das wäre unfair, damit würde ich jegliche Schuld auf meine Partner_innen schieben und das Problem auch gar nicht da anpacken, wo es besteht. Eine »Schuldfrage« ist in diesem Fall ja auch gar nicht gegeben. Dennoch habe ich dadurch ein wenig das Gefühl, mein Protest beim SlutWalk wäre Heuchlerei gewesen.

Oder auch Situationen auf Partys (zu denen ich eh selten gehe), wenn meine Freund_innen mir vorwerfen, ich könnte doch nicht so nett mit XY reden, wenn ich nichts von ihm_ihr will. Eigentlich zweifle ich dabei eher an meinen Freund_innen, weil ich finde, dass ich reden kann, mit wem ich möchte, aber irgendwo im Hinterkopf hinterfrage ich natürlich trotzdem auch mein eigenes Verhalten. Und da kann ich noch so groß tönen, die Meinung anderer wäre mir gleich, wenn ich gar nicht das innere Selbstbewusstsein habe, diese auch durchziehen. :/

Inzwischen habe ich mein Verhalten in vielerlei Hinsicht umgedreht und lasse bei neuen Personen in meinem Leben einfach von vorneherein keine Nähe mehr zu, damit es gar nicht erst zu solchen Situationen kommen kann – aber das macht mich eigentlich noch unglücklicher, denn dieser »Selbstschutz« beraubt mich gleichzeitig vieler schöner Momente, weil ich sofort panikartig weglaufe. Dafür finde ich mich aber auch seltener in Situationen wieder, in denen ich abwägen muss zwischen »Sage ich nein und riskiere, diese Person zu verärgern/verlieren?« oder »Sage ich ja und fühle mich dabei unwohl?«. Alles Mist, und gleichzeitig erstaunlich, dass ich genau weiß, wie irrational meine Gedankengänge teilweise sind und ich es trotzdem nicht ändern kann.

Ich weiß inzwischen auch, dass viele meiner Verhaltensweisen mit meiner Kindheit zusammenhängen, wo Berührungen und Zärtlichkeiten meist nur dann auftraten, wenn ich etwas »Gutes« getan hatte; ebenso wurden sie mit Worten wie »Ich kann dich so nicht lieb haben.« oder »Nein, ich bin böse auf dich, du brauchst mich jetzt nicht umarmen.« verwehrt, wenn ich mich daneben benommen habe. Irgendwo kann ich dieses Verhalten seitens meiner Eltern aber auch verstehen; wer umarmt schon gerne eine_n, der_die gerade die Lieblingsvase zerdeppert oder das Zimmer nicht aufgeräumt hat? Aber dieses »Berührung = Belohnung«-Gefühl scheint bei mir unbewusst noch immer tief verankert.

Bzw. gab es auch mehrere Situationen, an die ich echt nicht gern zurückdenke: vorsichtige Annäherungen von erwachsenen Personen aus meinem engeren Umfeld, die zwar nie zu sexuellen Handlungen führten, sie jedoch unmissverständlich andeuteten/»anfragten«. Ich bin heilfroh, dass ich diesen immer entgehen konnte, aber sie haben mein Misstrauen gegenüber jeglichen Berührungen so wahnsinnig verstärkt, dass allein eine Umarmung irgendwo tief in mir die Angst hervorruft, dass der nächste Schritt zu intim werden könnte. Es ist, als hätte ich mein Vertrauen in Menschen (besonders Männer) irgendwann in meiner Kindheit verloren, und daher ist es einfacher, niemanden an mich heranzulassen, körperlich wie emotional, um den schützenden Abstand so groß wie möglich zu halten. Und um so mehr ich dies tue, um so mehr hasse ich mich dafür. Ein blöder Teufelskreis.

Erst vor ein paar Monaten habe ich damit begonnen, mein Verhalten mit der Vergangenheit in Verbindung zu setzen, Zusammenhänge zu verstehen und aktiv dagegen anzukämpfen… aber es geht alles so schrecklich langsam voran, und manchmal verliere ich mich dermaßen in meinem inneren Hin und Her, dass ich gar nicht mehr weiß, was ich in diesem Moment einfach will, sodass ich mich hinterher ärgere, wenn ich die falsche Entscheidung getroffen habe. Aber ich glaube, ich sehe Licht am Horizont, irgendwo da hinten… und an guten Tagen kann ich mich auch über mich selbst lustig machen. ;)

PS: Auch, wenn ich es noch nicht schaffe, das alles umzusetzen, ist es toll, Seiten wie »Wir lieben Konsens« gefunden zu haben, die ich einfach so oft duchlesen werde, bis mir das Ganze in Fleisch und Blut übergeht. :)

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