Die üblichen Verdächtigen?

Um mich ein bisschen gedanklich von den ungewissen Geschehnissen in Japan abzulenken, möchte ich heute mal auf den kürzlich von Danah Boyd veröffentlichten Artikel namens »The Politics of Queering Anything« eingehen, da sie etwas thematisiert, was auch mir immer wieder durch den Kopf geht. Nun ist es vielleicht Quatsch, hier noch mal quasi das gleiche auf Deutsch zu schreiben, aber ich mach’s trotzdem mal.

In besagtem Artikel spricht Boyd an, dass auf Konferenzen, bei denen es Beiträge über »queer«-Themen, Gender, Rassismus u. ä. gibt, in der Regel genau das Publikum solche Vorträge besucht, das von diesenemi Themen direkt betroffen ist und/oder sich sowieso schon kritisch mit diesen Themen auseinandersetzt. Andere Beiträge auf denselben Konferenzen, die oben genannte Dinge hingegen nicht thematisieren (im Namen oder in der Beschreibung des Vortrags), setzen sich dann meist gar nicht damit auseinander, so Boyd.

Sie kritisiert, dass solche Vorträge also eigentlich die »falschen« Leute erreichen und beschreibt dann weiter ihre Erfahrungen mit einer Konferenz, die sie selbst mitorganisiert und auf der sie »queer«Themen in »reguläre« Panels eingebaut hatte, ohne es spezifisch zu erwähnen – das allerdings hatte offenbar zu Enttäuschungen bei den genau an diesen Themen interessierten Besucher_innen geführt, die sich offenbar fragten, ob diese Themen vergessen worden seien (weil sie vermutlich Boyds Vorträge nicht besucht hatten?).

Boyd erklärt ihr Vorgehen damit, dass sie zwar um die Wichtigkeit eines »sicheren Hafens« für von diesen Themen Betroffene weiß, aber es strategisch vorzieht, eben jene Thematiken an »unbedarfte« Besucher_innen zu übermitteln, die sich normalerweise – bewusst oder unbewusst – damit eher nicht oder wenig auseinandersetzen. Sie selbst sieht das nicht als Rückschritt, sondern als pragmatischen Weg, Queer-Theorie & Co. »unterschwellig« an ihr Publikum zu bringen.

Auch ich habe schon oft festgestellt, dass geschlechts- oder sexualitätskritische Veranstaltungen zu oft nur genau jene erreichen, die für diese Thematik bereits sensibilisiert sind. Das ist ja eigentlich normal für thematische Veranstaltungen, gebe ich ja zu – ich gehe auch gerne zu einer Veranstaltung mit Japan-Bezug, wäre aber nie von allein auf die Idee kommen, eine Veranstaltung mit Korea-Bezug zu besuchen, weil ich mit diesem Land nichts am Hut hatte… im Studium musste ich mich dann aber mehrfach mit Korea auseinandersetzen, und siehe da, es war sogar richtig spannend.

Ebenso gebe ich zu, dass auch ich früher eher zu den »Feminismus? Uhm, nee, danke!«-Menschen gehörte und selbst eher unterschwellig an das Thema herangeführt wurde (durch Blog-Beiträge, Facebook-Links, Uni-Seminare und eine tolle Arbeitskollegin). Und ich bezeichne mich ja auch weiterhin selten laut als »Feministin«, unter anderem auch, weil allein dieses Wort meinen persönlichen Erfahrungen nach oft eine negative »Find ich blöd, ich hör nicht zu!«-Einstellung hervorruft und das eigentliche Thema dabei völlig untergeht.

Daher verfahre ich ähnlich wie Boyd und poste z. B. hier und da mal was zu »feministischen« oder »queer«-Themen bei Facebook oder hier im Blog und freue mich dann tierisch, wenn dieselben Links plötzlich mit tollen Kommentaren versehen und/oder von Freund_innen geteilt (also weiterverbreitet) werden, von denen ich das nie erwartet hätte. Daraus haben sich dann auch bei realen Treffen schon sehr spannende Diskussionen ergeben, über die ich mich immer wieder freue.

Dasselbe habe ich auch ähnlich im Studium erlebt: meine Uni bietet durchaus Gender-Seminare für jedermensch an, doch ich habe von meinen Kommiliton_innen leider oft negative Kommentare bezüglich dieser Kurse gehört, obwohl sie gar nicht von ihnen besucht wurden. Dahingegen wird in meinem Studienfach selbst regelmäßig die Gender- und/oder Ausländer-Problematik in Japan angesprochen und nicht nur kann sich dem keine_r entziehen, nein, es fallen auch nie negative Kommentare, sondern entstehen im Gegenteil oft ganz interessante Diskussionen. In diesem Kontext fällt es mir dann immer ziemlich leicht, auch mal auf die ähnlichen Situationen in Deutschland hinzuweisen und aufzuzeigen, dass viele Dinge auch bei uns noch lange nicht im grünen Bereich sind (was wir lieben Japanolog_innen beim Über-den-Tellerrand-Schauen und Mit-dem-Finger-Zeigen leider ab und zu vernachlässigen). Lieber spreche ich diese Themen in einem »fremden« Kontext an, als gar nicht darüber sprechen zu können.

Ebenso hege ich die Hoffnung, dass auf der kommenden re:publica Panels, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen, auch von Besucher_innen beehrt werden, denen das eher neu ist – bei einigen Panels ist z. B. die Thematik der »Geschlechterverhältnisse im Internet« sehr offensichtlich, bei anderen eher weniger, obwohl ich das als ein sehr wichtiges Thema in Bezug auf Bloggen & Co. betrachte. Ich bin schon jetzt sehr auf das Publikum gespannt!

Natürlich finde ich Veranstaltungen wie z. B. das Gendercamp oder das LaD.I.Y.fest sehr wichtig, denn ja, diese »sicheren Häfen« dienen in meinen Augen nicht nur dazu, eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, sondern auch dazu, sich über Theorien, Denkansätze, Argumentationshilfen etc. pp. auszutauschen, auf die mensch alleine nicht immer kommt. (Mal davon abgesehen ist es in meinen Augen ganz wichtig, auch mal fernab vom suboptimalen Alltag Energie tanken zu können.)

Aber die Problematik, dass »queer«Themen, Gender, Rassismus etc. viel zu wenig an »Ottonormalverbraucher_innen« gebracht werden (z. B. in Schulen) und sich größtenteils nur an das eh schon interessierte/sensibilisierte Publikum richten, finde ich noch immer erschreckend groß! Das alles müsste viel mehr in den regulären Alltag aller Menschen einfließen, damit sich etwas ändert. Finde ich.

5 Antworten zu “Die üblichen Verdächtigen?

  1. Sammelmappe 27.03.2011 um 16:18

    Die republica ist sicher eine gute Möglichkeit diese Themen unter Menschen zu bringen und Diskussionen anzustoßen.

  2. nextkabinett 08.04.2011 um 11:15

    Liebe Puzzle,

    vielen Dank für diesen wichtigen und differenzierenden Artikel. Ich kenne das Problem nur zu gut aus der Philosophie. Es ist ja auch nach wie vor ungeklärt, ob die Vernunft ein Geschlecht hat. ;-)

    Ich habe Deinen Blog hier bei Germanys next Kabinettsmitglieder stellen sich vor unter ‘Blogs, die wir mögen’ verlinkt. Vielleicht magst Du hin und wieder einmal bei uns im Blog, in den Ministerien und den Blogs der Kollegen vorbeischauen.

    LG,
    die Social Secretary

  3. nextkabinett 08.04.2011 um 11:38

    PS.: Ich habe den Ort nochmal geändert. Du bist im Blog des Germanys next Bundeskabinetts richtiger und passender. Dort auch unter ‚Blogs, die wir mögen‘.

    LG,
    die Social Secretary

  4. bloggern 24.06.2011 um 1:42

    hallo, ich habe mir jetzt einige Sachen hier durchgelesen und auch den Podcast, den du mit Deef gemacht hast angehört.

    Ich werde jetzt mal versuchen, mein Feedback hier wiederzugeben, da meine Kommentare bei bisexualitaet.org nicht freigeschaltet wurden.

    Seit ich euer Projekt verfolge bin ich hin und her gerissen. Das Thema beschäftigt und betrifft mich nämlich auch. Ich weiß jedoch noch nicht ganz genau wie euch zu euren Standpunkten und eurer Herangehensweise stehe. Das ist aber nicht schlimm, da der Raum zur Diskussion ja gegeben ist.

    Ich kenne das was du hier beschreibst, hab mich oft genug selber über genau das gleiche aufgeregt und mir die gleichen Fragen gestellt.

    Ich denke trotzdem (und das beziehe ich sowohl auf Workshops/ Diskussionsrunden, als auch auf Blogeinträge oder eben auch Plattformen wie bisexualitaet.org), dass die Aufgabe, die Zuschauer/Leser/Hörer da abzuholen wo sie gerade stehn, das Schwierigste an der ganzen Sache ist und des öfteren zu einem kollektiven Genickbruch führen kann.

    Sowohl das Thema Sexualität, als auch die Gender- und Feminismusthematik implizieren eine Unmenge an Schritten die man im Kopf gegangen sein muss, bevor man zum eigentlichen Inhalt (und dann auch noch in einer Gruppe beispielsweise in einem Workshop) gelangen und sich mit neuem Input verwöhnen lassen kann. Diese vorbereitende Arbeit, die man allein verrichten muss ist der eine Punkt.

    Ein ganz anderer Punkt (und ich glaub den überspringen und vergessen wir sehr oft) ist der, dass die bereits erwähnten gedanklichen Schritte, sich ja nicht von allein gehn. Die Person muss es ja wollen, verstehen und als sinnvoll empfinden bevor der Gedankenmarsch beginnen kann. Kurz: Sie muss bereit sein.

    Ich empfinde es so, dass auf Tagungen, Camps und vor allem in der Sensibilisierungsarbeit und dem Aktivismus im Allgemeinen oft, ne Begleitung ab dem (nur ein Beispiel) Schritt Nr.285 angeboten wird und es daher sowohl mit dem Anwerben als auch dem Zulauf schief läuft, da für die „Vorphase“ keine Begleitung angeboten wird.

    Daher mochte ich beim Podcast und bei eurem Projekt eigentlich oder vor allem die Haltung, von euch selbst auszugehn, eure ersten Schritte zu beschreiben und so zwar keine Wegbeschreibung und doch einen kleinen Erfahrungsbericht abzugeben, der den Leuten zeigt, dass der Weg begehbar ist.

    Durch die Wahl dieses Ausgangspunktes, gestaltet ihr das Thema weniger abstrakt, als das in Diskussionsrunden der Fall ist, die sich eher mit den Überbegriffen oder vielleicht auch zu spezifischen Themen beschäftigen.

    Meiner persönlichen Meinung nach, wäre es auch sehr gut, wenn ihr dabei bleibt. Also euch auf eure „Erfahrungsbreichte“ konzentriert. (Wie gesagt, nur mein persönliches Gefühl)

    Denn für meinen Geschmack habt ihr euch einige Male verrannt, euch öfters selbst wiedersprochen und es haben sich auch Überthemen in die Diskussion eingeschlichen, die zwar in den thematischen Rahmen passten, jedoch den Rahmen eures Gespräches , würd ich jetzt mal sagen, sprengten.

    Nur um einige Beispiele zu nennen:
    – die ganze „Zwangsouting / Outing für den guten Zweck“ Diskussion war sehr unklar und wirkte recht irritierend als du ( ungefähr bei Minute 10) sagtest, dass jemand der bashen würde, es verdient habe wenn du ihn dann outest

    – eure Zielsetzung Akzeptanz zu schaffen und somit nehm ich dann mal an das Bashing einzugrenzen, nahm ein wenig an Glaubwürdigkeit ab, als du die Kampflesbenschublade bedient hast.
    (in dem Kontext habt ihr eurer Verständnis des Begriffs „feminin“ auch nicht definiert, was eventuell geholfen hätte)

    – die Diskussion über die Pansexualität war recht unklar, es war zwar ehrlich, zu sagen, dass du den Begriff nicht kennst, aber Deefs Erläuterung es handle sich zum Teil um ne platonische Haltung, war faktisch falsch und auch irritierend. Zudem brachte er das zuvor kritisierte heteronormative Denken, als rechtfertigendes Argument mit ein.

    Dies sind nur kurze Anmerkungen, die ich aber erläutern kann, falls Interesse besteht.

    Am Anfang des ersten Teils des Podcast sagte Deef, eigentlich bräuchtet ihr jemanden der anderer Meinung ist und eigentlich würde ich gerne mit diskutieren.

  5. bloggerin 24.06.2011 um 1:43

    mein Nick sollte eigentlich „bloggerin“ lauten, aber ich glaub daran geht Welt nicht zugrunde.

Ich freue mich immer über Kommentare! Ich werde sie innerhalb von 24 Stunden freischalten – wenn nicht, wird das seine Gründe haben.

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