Dampf ablassen!

Ok, das hier wird sicherlich kein sonderlich durchdachter Eintrag, aber ich muss sofort mal Dampf ablassen, sonst explodiere ich innerlich!! Und Twitter ist mir dafür einfach zu begrenzt, ich kann mich nicht auf 140 Zeichen begrenzen! Daher entschuldige ich mich im Voraus für alles Ungerechtfertigte und Unrecht-Getue, was ich eventuell gleich schreibe, und auch für alles Unverständliche und Rechtschreibfehler und Weiß-der-Geier… schreibe das jetzt auch nur runter und lese es nicht mehr gegen – mentaler Sandsack also.

Ich bin jetzt seit fast einer Woche aus Tokio zurück, und irgendwie habe ich das Gefühl, die Zeit ist für mich seitdem stehen geblieben. Der Stand der AKWs hat sich über die letzten Tage kaum verändert, ist aber offenbar stabil genug, denn der SPIEGEL hat heute Morgen seinen Live-Ticker eingestellt. Das ist natürlich einerseits beruhigend, andererseits ist die Lage in Fukushima alles andere als entspannt, aber einfach nicht mehr medien-spektakulär genug, behaupte ich jetzt mal dreist.

Ich selbst bin total ge- und überreizt ob der Tausenden von Nachrichten, Artikel, Ticker, Facebook- und Twitter-Snippets, die in den letzten Tagen durchs Internet geflogen sind. Wir wollen immer mehr und sowieso alles wissen, können aber nicht einmal mehr einen Bruchteil dieser Informationen – gepaart mit den Entwicklungen in Libyen & Co. – verarbeiten. Ich verstehe auch die ganzen »Benzinis« (also hier oder hier), denn inzwischen warten viele von uns auf eine Auflösung der ganzen Sache…. stattdessen aber heißt es immer wieder »Kernschmelze! Ach nein, doch nicht… jetzt aber doch! Nein – gleich!!«, fliegen uns unnötig-krumme Zahlen um die Ohren (»5.178 Todesopfer«, »8.913 Menschen vermisst«) und werden wir mit dämlichen Aussagen à la »Ungewöhnlicher Wintereinbruch im Krisengebiet!« bombardiert, obwohl Schnee im März in dieser Gegend völlig normal ist.

Überall tauchen plötzlich Atom-»Expert_innen«, Klugscheißer und Besserwisser auf, und selbst bei der Krisensitzung meiner Uni hatten drei Leute fünf Meinungen. Dabei können viele von uns das Wort »Katastrophe« doch kaum noch in Relation setzen; stattdessen raten/vermuten/voraussagen alle, was als nächstes passieren kann/soll/muss. Außerdem wollen um die Gefahr der Atomenergie plötzlich alle gewusst haben, aber mal ehrlich: wäre dieses Szenario in ’nem Film gewesen, hätten wir dem Regisseur ob der vielen gleichzeitigen Schicksalsschläge doch ’nen Vogel gezeigt!

Aber es geht ja nicht nur mir so, denn zur selben Zeit kochen auf den Japan-Mailinglisten die Emotionen über und die Leute beharken sich gegenseitig über widersprüchliche radioaktive Messwerte (auch so Dinge, mit denen ich mich im Leben eigentlich nie auseinandersetzen wollte), pietätlose Interviewanfragen von SPIEGEL & Co. und die Frage, ob es Verrat sei, als Ausländer_in Tokio zu ver- und die Japaner_innen zurückzulassen usw. usf. Inzwischen habe ich 90 ungelesene Mails gelöscht, weil ich es einfach nicht mehr ertragen könnte. Plötzlich werden alle Japanolog_innen zu »Expert_innen«, obwohl die genauso verängstigt im Dunkeln tappen und größtenteils keine Lust haben, die »Mentalität der Japaner« durchzukauen, da es weder diese noch »den Japaner« gibt. Und sowieso alle gerade ganz andere Sorgen haben, während hierzulande gefragt wird, ob Fischstäbchen denn noch unbedenklich genießbar seien… als wäre das nicht schon vorher eine fragwürdige Mahlzeit gewesen!

Sätze wie diese will ich mir angesichts der ganzen Situation eigentlich verkneifen, aber ich bin grundsätzlich ein Mensch, der schwierige Situationen mit Sarkasmus & Co. bekämpft, weil es mir persönlich einfach hilft, Dinge zu verarbeiten. Und plötzlich bricht dieser innere Pfeiler weg, denn natürlich reiße ich mich zusammen, und in Bezug auf das Unglück in Japan selbst fällt mir auch nichts »Witziges« ein sowie bei den geäußerten Geschmacklosigkeiten anderer die Kinnlade unter den Schreibtisch. Aber so ist das Leben halt immer.

Viel schlimmer als das finde ich jedoch die zunehmend ätzende Überflutung von persönlichen Einzelschicksal-Berichten, die keinerlei Beitrag leisten außer dem, auf die Tränendrüse zu drücken und immer mehr Klicks auf den Webportalen von SPIEGEL, taz & Co. zu generieren. Selbst die Tagesschau oder der japanische Sender NHK hatten die objektive Berichterstattung schnell hinter sich gelassen und bringt dieselben Dinge, ab und zu angereichert mit einer Großaufnahme eines verlassen durch die Gegend schwimmenden Plüschteddys. Als ob die »richtigen« Informationen nicht schon zu viele wären, sollen wir jetzt auch den diesen Müll rausfiltern? Genauso dämlich, dass im Ticker plötzlich jeder Lieferengpass bei dt. Autowerkstätten aufgeführt werden musste… und vorhin habe ich bei ZDF dann auch gleich eine Doku über irgendein zerstörtes Dorf gesehen. Live vor Ort und den Leuten beim Suchen nach Leichen und/oder Habseligkeiten über die Schulter gucken, vielen Dank auch! :(

Bei mir machen sich die sechs Tage voller Anspannung und unregelmäßigem Schlaf (größtenteils geschuldet durch Jetlag) natürlich inzwischen deutlich bemerkbar, gerade durch die Tatsache, dass ich viel enger in persönlichem Bezug mit Japan stehe als viele in meinem täglichen Umfeld. Von daher versuche ich ständig, mich zu beherrschen, mich zurückzuhalten, Dutzende rationale Gründe zu finden, warum meine Freund_innen in Tokio relativ sicher sind. Das ist aber gar nicht so einfach, und in den Unterhaltungen kochen die Emotionen momentan unglaublich schnell hoch, weil alle genauso angespannt sind wie ich. Auch gab es bereits einige bitterböse Wortwechsel mit deutschen Freund_innen in Japan, da sie nicht begreifen (können/wollen), dass ich und viele andere uns hier aus der Ferne um sie Sorgen machen. Andererseits fühle ich mich aber auch schuldig, eventuell überzureagieren, und dann passiert am Ende vielleicht gar nichts Schlimmeres dort, wo sie wohnen… dabei will ich nichts lieber, als niemals hinterher »Siehste!« sagen zu müssen!! Dann lieber Schuldgefühle.

An dieser Frage zerbrechen auch gerade so einige vor allem gemischte Beziehungen (also ein_e Japaner_in, ein_e Ausländer_in), bekomme ich um mich herum mit… den einen wird »Flucht« vorgeworfen, den anderen Fehleinschätzung des Risikos, und und und…

Und dann, neben der AKW-Sache, auch diese noch nicht beantworteten Fragen, die in mir nagen: Wieso braucht Japan so lange, um Hilfsgüter wie Nahrung, Decken und Medikamente in die zerstörten Regionen zu schaffen? Wieso gibt es keine Pläne, keine Zuständigen, keine oder kaum Akzeptanz ausländischer Hilfe? Klar, ich weiß, dass viele im Westen Japans »Stärke« auch schnell überschätzen – Japan ist nicht gleich Tokio, und nur, weil es da eine Handvoll Hightech-Städte gibt, besteht ein Großteil des Landes aus Holzhäusern, Bauernhöfen und Fischerhütten, die uns eher an arme Länder denn Japan denken lassen. Dennoch hätte ich von diesem erdbebenerprobten Land einfach mehr erwartet!!!

Trotzdem muss ich mich jetzt wieder beruhigen, denn das Leben in Deutschland geht weiter. Ich muss mich ablenken, meinem Alltag nachgehen, für meine Hausarbeiten nach japan-aber-nicht-erdbeben-bezogenen Sachen forschen und versuchen, es nicht allzu makaber zu finden, dass in diesen Tagen Postkarten eintreffen, die ich zehn Minuten vorm Erdbeben abgeschickt habe, und mich weiterhin um die Leute kümmern, die vorhaben, in den nächsten Monaten nach Japan zu gehen. Das ist schließlich mein Job an der Uni, und der geht trotz allem weiter… trotzdem hoffe ich sehr, dass der Spuk bald wirklich vorbei ist und ich wieder aufatmen kann…

5 Antworten zu “Dampf ablassen!

  1. Khaos.Kind 19.03.2011 um 23:55

    Liebe Puzzle,
    ich wünsche dir viel Kraft und Mut für die kommenden Stunden, Tage und Wochen!

  2. Lucia 20.03.2011 um 10:50

    Hallo du, ich schließe mich den Wünschen von Khaos.Kind an.
    Und auskotzen ist vor allem auch besser, als daran zu ersticken.

    Liebe Grüße,
    Lucia

  3. URBAN ARTefakte 22.03.2011 um 0:02

    Hallo Puzzle,

    mittlerweile bin ich hier öfter mal am Lesen, weil mir Dein Schreibstil gefällt, weil Du eben schreibst, was Du – auch wie – fühlst. Wie ich auch gern schreibe, wenn es raus muss. ;)
    Vielleicht hört sich das jetzt etwas komisch an – aber – Vorwurf wegen Flucht? ???
    Ich denke, wie schwer manche Entscheidungen waren oder noch sind, Flucht ist niemals etwas, auch gerade bei dieser wirklich immensen Katastrophe, was man sich weder selbst noch von anderen vorwerfen lassen muss.
    Flucht – ist etwas emotionales und ich denke, auch gerade jetzt, ist das etwas ganz menschliches, normales. Ich hätte es genauso getan! Wohl auch schon eher!

    Und – wenn niemand mehr was davon wissen will oder mit emotionalen Ausbrüchen nicht klar kommt, wie ich mir vorstellen kann, wie Du sie hast – Schreiben ist die beste Medizin – immer raus damit!

    Ich wünsch Dir viel Kraft!!!

    • Puzzle 22.03.2011 um 12:13

      Danke für die lieben Worte und das Kompliment! *^^*

      Ich selbst würde auch niemandem vorwerfen, die „Flucht“ ergriffen zu haben, aber leider sind diese Diskussionen gerade voll im Gange. Jüngster Beitrag auch gestern vom Tagesspiegel, der das Problem ganz treffend schildert. :( Ich find’s ehrlich gesagt zum Kotzen, denn je nach Weiterentwicklung der Katastrophe werden vermutlich auch viele Japaner_innen sich ihr weiteres Handeln noch gut überlegen. Siehe auch dieses Interview.

Ich freue mich immer über Kommentare! Ich werde sie innerhalb von 24 Stunden freischalten – wenn nicht, wird das seine Gründe haben.

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