Männer, werdet Au-pair!

Ein Eintrag hier ist längst mal wieder überfällig! Irgendwie denke ich immer, ach, dazu kann ich ja nur so ein paar Sätze schreiben, das lohnt sich nicht… aber hey, das ist doch mein Blog, ich muss mich ja an gar keine »Regeln« halten und kann meinen eigenen Anspruch ruhig etwas zurückfahren. ;)

Letztens habe ich beim SchulSPIEGEL einen Artikel über männliche Au-pairs gefunden, der mich ein wenig aufgeregt hat, weil dort auch wieder ein paar gängige Klischees breitgetreten wurden. Dennoch stimmt es im Kern schon, was dort steht: es gibt nur wenige männliche Au-pairs, weil dies von vielen offenbar noch als »Mädchenjob« wahrgenommen wird.

Leider habe ich keine Statistiken gefunden und kann daher nur aus eigener Erfahrung sprechen, die inzwischen schon sechs Jahre zurückliegen, aber damals waren in meinem Umfeld in den USA etwa hundertfünfzig Au-pairs zugegen, aber davon nicht einmal zehn männliche. Meine eigene Agentur, AIFS, nimmt bis heute grundsätzlich keine Männer in ihr Programm auf, was in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um die größte Au-pair-Agentur mit der besten Betreuung handelt, wahnsinnig schade ist. Die Begründung, die ich damals auf mein neugieriges Nachfragen erhielt, war unter anderem, dass Männer weniger zuverlässig seien, mit Kindern weniger zurecht kämen, sich nicht so gut ans Familienleben anpassen könnten und sich nicht so gut um den Haushalt kümmern könnten – kurzum, sich schwerer vermitteln ließen. :(

Ich fand und finde das bis auf den letzten Grund einfach schwachsinnig, denn ich habe sowohl etliche weibliche Au-pairs getroffen, auf die einer oder mehrere der Gründe zutrafen, als auch männliche (sogar alle, die ich traf), die genau dem Gegenteil entsprachen… wie ja auch zu erwarten war. Ich glaube auch nicht, dass sich Männer so schwer vermitteln lassen würden wie vielleicht vor fünfzehn oder zwanzig Jahren, denn gerade Familien mit älteren Söhnen können meiner Meinung nach von einem männlichen Au-pair durchaus profitieren… einen pubertierenden Halbstarken hätte ich auch nicht so gerne unter meiner Obhut gehabt, und ich habe oft miterlebt, wie meine Au-pair-Freundinnen gerade bei Jungen zwischen 12 und 16 über diverse Schwierigkeiten klagten. Ich will natürlich nicht sagen, dass sie schlechte Arbeit geleistet hätten, aber ich denke, besonders für Familien mit nur Söhnen wäre ein männliches Au-pair einfach sinnvoller. In meinem Umfeld waren allerdings fast alle Gastfamilien bei AIFS und wollten die vertraute Agentur eher ungern wechseln; einige taten es dennoch, und zwar nur, um ein männliches Au-pair einstellen zu können.

Aber auch von Seiten der weiblichen Au-pairs waren oft Klischees zu hören, allen voran die Behauptung, alle männlichen Au-pairs wären schwul. :( Von den sieben Männern, die ich in meinen zwei Jahren Au-pair-Zeit kennen gelernt habe, war’s jedenfalls keiner – und selbst wenn, so what? »Witzigerweise« kamen von Vätern eher die Argumente, männliche Au-pairs könnten die Ehefrau und/oder Tochter verführen… klar, aber weibliche wären keine potentielle Verführung für den Ehemann/Sohn, oder wie? Auch die anderen Aussagen à la Frauen könnten den Haushalt besser führen, besser kochen, wären einfühlsamer etc. fand und finde ich ziemlich hanebüchen, denn erstens sind in den USA sind sowieso kaum Haushaltsaufgaben für das Au-pair vorgesehen (höchstens eigene oder die, die direkt mit den Kindern in Zusammenhang stehen), zweitens habe ich total scheußliches Zeugs essen müssen, das meine Au-pair-Freundinnen »gekocht« hatten (denn viele hatten mit ihren im Schnitt 19-22 Jahren vorher noch zu Hause gewohnt und erschreckend selten selbst gekocht – mich eingeschlossen) und drittens hat Einfühlsamkeit bezüglich Kindern nichts mit dem Geschlecht, sondern allein mit Empathie und Kinderliebe zu tun.

Will sagen: Es gibt bisher nicht einen Grund, der mich auch nur annähernd davon überzeugen könnte, dass Männer nicht ebenso gut Au-pair werden könnten wie Frauen, und ich hoffe, dass auch AIFS bald auf diesen Zug aufspringt und endlich Männer in ihr Programm aufnimmt, bzw. dass andere Agenturen, die bereits Männer aufnehmen, ihr Programm und vor allem ihre Betreuung endlich besser ausbauen – denn ich muss sagen, das Au-pair-Dasein war eine meiner schönsten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben! :)

11 Antworten zu “Männer, werdet Au-pair!

  1. silke 20.02.2011 um 14:14

    Danke für’s Thematisieren, Puzzle! Ich war ooch mal Au-pair, privat vermittelt, kannte also nur einzelne andere Au-pairs, darunter keinen einzigen männlich sozialisierten. Mir fallen zu dem Thema noch zwei Punkte ein:
    1997/98 mussten die jungen Männer zur Bundeswehr oder zum Zivildienst, ein strukturelles Ding, das ihnen als Zwangsdienst ja auch ein Stück selbstbestimmte Lebenszeit wegnahm. (Frauen durften ja noch nicht, womit ich nicht sagen will, dass ich diese „Gleichberechtigung“ unbedingt für eine anstrebenswert halte.) Zivildienst ist ja bei ganz vielen eine Tätigkeit im sozialen Bereich gewesen (Kita, Krankenhaus, Seniorenresidenz etc.), wo auch niemand angezweifelt hat, dass sie dazu qua biologischem Geschlecht fähig oder unfähig sein. Im Gegenteil, diese Arbeitskraft ist ja eine feste Säule des Systems, ihr Wegfallen schien ganze Sektoren im Bestehen zu gefährden. Das könnte eine jetzt so lesen: Die jungen Männer landen an Stellen, die als ökonomisch relevante anerkannt werden (auch wenn das die traditionell schlecht bezahlten Jobs, teils weiblich konnotierte Jobs sind).
    Da komme ich zum zweiten Punkt: Im Gegensatz dazu landen junge Frauen, die sich für einen Au-pair-Aufenthalt entscheiden (nicht „vom System“ gezwungen werden), an Orten, die nicht als ökonomisch wichtig anerkannt werden: in Privathaushalten, deren „Management“ (Kinderbetreuung, Hütte putzen etc.) die Öffentlichkeit nicht interessiert, und wo es tendenziell niemanden juckt, wenn die Mutter der Kids sich selbst drum kümmert. (In meinem Fall war es zumindest allermeistens sie, die mir meine Aufgaben übermittelt hat, nicht der Vater der Kinder.) Junge Frauen machen also irgendwie im „klassisch Privaten“ das, was sonst wahrscheinlich ältere Frauen machen würden. Dazu kommt noch ein Preis, den ich auch nicht vernachlässigen würde: Sie passen sich – frisch zu Hause ausgezogen – in einen neuen Familienkontext ein (was mir im Nachhinein recht absurd vorkommt), und das wird zumindest in der Regel erwartet: Damit die Kooperation gelingt, sollen sie sich den dort herrschenden Strukturen unterwerfen. Alles ein mehr oder weniger versteckter Lehrplan, von dem ich auch verstehe, dass junge Leute das nicht wollen. Das erklärt aber nur bedingt die Gender Gap – junge Frauen wären damit sozialisationsbedingt eher bereit zu dieser Anpassungsleistung…

    • Puzzle 20.02.2011 um 15:20

      Du hast Recht, Silke – den Vergleich, dass Männer beim Zivildienst ja quasi dieselben Fähigkeiten ausführen, muss ich mir merken. Mein Bruder z. B. hat auch als Zivi im Kindergarten gearbeitet und wurde dafür von seinen Freunden nicht „schräg angesehen“, während der Wunsch, als Mann Au-pair werden zu wollen, dies leider oft mit sich bringt. Dabei steht bei vielen Frauen und Männern meiner Meinung nach an erster Stelle gar nicht der Wunsch, fremde Kinder zu hüten, sondern das Wahrnehmen eines relativ preisgünstigen Auslandsaufenthaltes… und dieser kommt halt mit der „Auflage“, dass mensch sich in ein fremdes Familiengefüge einordnen muss, auch wenn es manchmal nicht einfach fällt. Aber jede_r weiß (hoffentlich), worauf er_sie sich da einlässt, ähnlich wie auch bei Schüleraustauschen. Tatsächlich aber ist mir aufgefallen, dass es z. B. deutlich mehr männliche Sommercamp-Betreuer gab, was zwar auch Arbeit mit Kindern bedeutete, aber ohne „vorgefertigte Familienstruktur“. Ich würde aber dennoch behaupten, dass es bei der Anpassungs- bzw. „Einfügungsfähigkeit“ auf die Person und nicht das Geschlecht ankommt.

      Ich selbst kann ja nur für die USA und AIFS sprechen, aber in meinen Augen überwogen die Vorteile einfach den Nachteil, dass ich mich meinen Gasteltern „unterstellen“* musste, denn ich hatte dafür freie Kost und Logis, ein Auto, genug „Taschengeld“ zum Reisen (da ich ja selbst kaum Ausgaben hatte), relativ geregelte Arbeitszeiten und ein stabiles soziales Netz von anderen Au-pairs, das von der Agentur auch prima gepflegt wurde. Und der Vorteil in den USA ist, dass dort Au-pairs halt nicht mit Haushaltshilfen gleichgesetzt werden (wie es leider in anderen Ländern oft der Fall zu sein scheint), sondern vorwiegend mit Kinderbetreuung.

      *Wobei ich echt das Glück hatte, eine sehr angenehme Gastfamilie zu haben, die mich mein „Ding“ und meine Erziehungsmethoden auf meine Weise durchziehen ließen und die z. B. auch damit klarkam, dass ich meine damalige feste Freundin oft dabei hatte, auch wenn die beiden Mädchen (5 & 9 Jahre) anwesend waren. Habe bei anderen Au-pairs auch deutlich schwierigere Familien kennen gelernt.

  2. Christian - Alles Evolution 21.02.2011 um 9:42

    Es dürfte vielleicht auch einfach daran liegen, dass Männern im Schnitt die Au-Pair Tätigkeiten weniger attraktiv erscheinen.
    Männer und Frauen haben im Schnitt ja auch ein anderes Verhältnis zu Kindern etc. Schon die Reaktion auf das Kindchenschema ist ja um so stärker um so höher der Östrogenspiegel ist. Und wenn du Empathie ansprichst: Frauen haben im Schnitt auch einen höheren Empathischen Quotienten als Männer.

    Natürlich gibt es auch Männer, die ein Au pair interessant finden. Aber für viele ist es auch nichts. Und Zivi macht(e) man ja auch nicht freiwillig (und auch nicht nur in pflegenden Berufen)

    • Puzzle 21.02.2011 um 12:09

      Es dürfte vielleicht auch einfach daran liegen, dass Männern im Schnitt die Au-Pair Tätigkeiten weniger attraktiv erscheinen.

      Aber ich würde ja wirklich gerne wissen, warum dem so ist! Denn die männlichen Au-pairs, die ich kennengelernt habe, fanden ihren Job großartig. Kindchenschema-Reaktion finde ich auch nicht wirklich greifend, denn ein Großteil der Familien, die Männer einstellt, hat eher ältere Kinder (so ab 7 aufwärts bis Teenager), und es steht sowieso allen zukünftigen Au-pairs frei, das Alter das zu betreuenden Kinder zu wählen. Viele fühlten sich eher als „großer Bruder“ – übrigens auch von Mädchen, denn nicht alle männlichen Au-pairs betreuen ausschließlich Jungs (auch wenn es eher das gängige Muster ist).

      Ich glaube eher, dass es generell oft eine falsche Vorstellung darüber gibt, was ein Au-pair denn macht, denn es handelt sich nicht um 24/7 putzen, kochen und Windeln wechseln, sondern um ein „Abenteuer“: das Eintauchen in eine fremde Welt, fremde Sprachen & Kulturen, das Kennenlernen vieler toller Menschen (zumindest dort, wo es Au-pair-Communities gibt, wie in den USA), eine Zeit, sich selbst mal auszuprobieren und kennenzulernen fernab vom vertrauten Alltag… da ist ein Zivi im Pflegebereich ja in meinen Augen zehnmal langweiliger. ;)

      • Christian - Alles Evolution 22.02.2011 um 10:52

        „Denn die männlichen Au-pairs, die ich kennengelernt habe, fanden ihren Job großartig.“

        Deswegen habe ich ja auch extra „Im Schnitt“ gesagt. Es gibt ja nicht „den Mann“ oder „die Frau“. Genauso wie es Butches und Femmes gibt es eben auch „flamers“ und dies eben auch im heterosexuellen Bereich.

        Das Kindchenschema zieht sich zudem recht lange hin, erst nach der Pubertät werden die Gesichtszüge männlicher.

        Das Auslandserfahrung gut ist ist dabei eine andere Sache. Ich denke jeder sollte es mal machen, es ist gut für vieles. Aber viele Jungs werden es eben eher im Rahmen eines Austauschs machen oder bei einem Auslandssemester, weil sie Kinderbetreuung einfach nicht so interessiert.

        „da ist ein Zivi im Pflegebereich ja in meinen Augen zehnmal langweiliger“

        der ist eben auch nicht freiwillig. Die Männer machten das ja nicht, weil es ihnen so gut gefällt, sondern weil es ein Zwangsdienst war.

  3. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Weibliche Nerds und ritterlicher Widerstand – die Blogschau

  4. Robert 17.05.2011 um 17:08

    Danke für deinen Artikel, das motiviert unheimlich. ;-)

  5. anthony 22.08.2011 um 11:43

    ich bin au pair in suedafrika. ich bin maennlich und 19 jahre alt.
    wer darueber lesen moechte: http://www.seeinsight.blogspot.com
    :)

  6. Marcel 16.09.2012 um 20:10

    Das motiviert echt unheimlich doll!!!! Ich bin männlich, 17 Jahre alt und habe den Wunsch mit 18 als Au Pair in die USA zu gehen. Wie schon gesagt wurde ist das sehr schwer, denn es werden weibliche Au Pairs vorgezogen (wegen den ganzen klisches). Es ist wirklich traurig, dass es so wenig männliche Au Pairs gibt.

    Ich hoffe das es in nächster Zeit einige mehr werden. :)

  7. Philip Kalberlah 06.05.2013 um 19:50

    Hallo.

    Ich bin ein 20 Jähriger Mann. Ich liebe es mit Kindern zu spielen und finde das du verdammt rechts hast grade Jungs ab 8 oder 9 Jahren Jahren schauen eher zu einem Männlichen Au pair auf und wollen so sein wie er. Und eifern Ihnen nach. Ich bin grad am schauen welche Agentur zu mir passt. Und hoffe mit meinem Bewerbungsvideo punkten zu können. Vielleicht mag es sich jemand mal anschauen und kann mir sagen was ich verbessern könnte.

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