Dazugehören

»Was willst du eigentlich bei dieser Jugendgruppe? Gehörst du da überhaupt hin?« Diese Frage musste ich mir erst kürzlich wieder von einer sehr guten Freundin anhören und hat mich ziemlich verärgert.

Mit »dieser Jugendgruppe« ist eine junge SchwuLesBiTrans-Gruppe in meiner Stadt gemeint, die sich mehrmals im Monat trifft und gemeinsam etwas unternimmt oder einfach nur bei Süßigkeiten und Getränken miteinander plaudert. De facto gehöre ich da wirklich bald nicht mehr hin, denn irgendwann ist es mit meiner schönen Jugend einfach vorbei. Ich bin seit einem Jahr eh nur sporadisch vor Ort, um mal wieder alte Freund_innen zu treffen, zu denen ich sonst nur über Facebook Kontakt habe.

Aber darauf zielte meine Freundin gar nicht ab – für sie gehöre ich dort nicht hin, weil ich ja »wieder auf Männer stehe« (O-Ton Freundin). So einfach ist das in ihren Augen. Und natürlich ist es keineswegs so einfach in meinen.

Die Frage, ob ich lesbisch bin oder nicht, habe ich mir tatsächlich schon mit 12 oder 13 Jahren gestellt. Ich kannte dieses Wort, ich hatte ja Internet und ältere Freund_innen, wenn auch keine nicht-heterosexuellen. Ich war die gesamte Oberstufe lang in eine Klassenkameradin verknallt, zudem immer mal wieder in die ein oder andere Schauspielerin, allen voran Winona Ryder, Ulrike Folkerts und Sailor Uranus (die Mischung macht’s, aber hey, ich war Teenager! ;)). Ich hatte mich damit eigentlich auch ziemlich gut abgefunden, hatte jedoch aufgrund innerer Komplexe und einer durchweg geschiedenen Verwandtschaft gar keine Lust auf Beziehungen jeglicher Art – und damit auch keinen »Coming-Out-Zwang«. Stattdessen habe ich meist nur im Geheimen vor mich geschwärmt, jegliche Fragen nach interessanten Jungs in meinem Alter geschickt umgangen oder schroff abgewiesen und meine restliche Zeit damit verbracht, »heiklen« Situationen mit Angehörigen des anderen (und eignene) Geschlechts aus dem Weg zu gehen. So weit, so gut.

Mit steigendem Alter häuften sich von Seiten der Familie und Freund_innen dann aber doch die Fragen nach »den Männern« in meinem Leben, und plötzlich war jeder Mann, mit dem ich mal unterwegs war, in ihren Augen ein potentieller Liebhaber. :/ Das ging so weit, dass mir irgendwann der Kragen platzte und ich mich einfach als lesbisch outete, obwohl ich bis dato nie mit einer Frau (aber auch mit keinem Mann) geschlafen hatte.

Ein dummer Fehler. Plötzlich hatte ich mich selbst in eine Kategorie (also: »lesbisch«) gepackt, obwohl ich Schubladendenken eigentlich verabscheue… und dann auch noch in eine Kategorie, von der ich gar nicht wusste, ob sie auf mich zutraf, denn schließlich hatte ich neben oben erwähnten Schwärmereien auch den ein oder anderen Schauspieler ganz extrem toll gefunden (obwohl diese allesamt schwul waren und/oder schwule Rollen spielten). Was, wenn ich dann doch »nur« bisexuell war, obwohl ich noch nie annähernd interessante Jungen aber dafür viele interessante Mädchen getroffen hatte…?

Ein paar Jahre später: Inzwischen habe ich mit beiden Geschlechtern geschlafen, und beides hatte seine ganz eigenen Reize. Wirklich feste Beziehungen (also so, wie eine »Beziehung« im Allgemeinen definiert wird) hatte ich bisher nicht genug, um eine Präferenz zu geben, obwohl mir Frauen grundsätzlich sympathischer (und sexier!) sind… aber dann wiederum fand ich die meisten lesbischen Frauen, die ich bisher »in der Szene« getroffen habe, ziemlich… nun ja, nicht mögenswert. Aber ich bin keine Szene-Gängerin und will mir daher nicht einfach so ein Urteil erlauben.

Ich hatte also quasi ein »Coming-In« (sehr zur Freude meiner Eltern :/) und bezeichne mich als bisexuell (eigentlich pansexuell, aber das versteht ja fast keine_r) oder scherzhaft als »Kinsey 4.5«, um Fragenden eine Schublade zu bieten – aber so wirklich glücklich bin ich nicht darüber. Ich habe mich für andere selbst definiert, obwohl ich einfach nur tun und lassen können möchte, was ich will und mit wem ich will, ohne mich quasi rechtfertigen zu müssen. Für so etwas ist unsere Gesellschaft aber leider noch nicht bereit, fürchte ich.

Dennoch, um wieder zum Anfang zurückzukommen: Meine momentane Beziehung ist mit einem Mann, was meine Freundin zu obigem Zitat veranlasste. Und verärgert darüber war ich nicht nur, weil sie mich plötzlich als »wieder auf Männer stehend« einstuft, sondern weil sie einen wunden Punkt getroffen hat: ich fühle mich dort tatsächlich nicht wirklich zugehörig.

So, wie ich von Fremden allgemein als heterosexuell wahrgenommen werde, wurde in allen SchwuLesBiTrans-Gruppe, bei denen ich mal vorbeigeschaut hatte, sofort davon ausgegangen, ich sei homosexuell. Ein Outing als Bisexuelle stellte bei jungen Lesben meist kein Problem dar, doch musste ich dafür ständige Kommentare über mich ergehen lassen, dass ich schon noch »zur Vernunft kommen« würde; bei älteren Lesben (25+) hingegen bekam ich öfters Dinge wie »Pseudo-Lesbe« oder »Mode-Lesbe« zu hören (direkt oder hinterrücks) und hatte deutlich das Gefühl, nicht dazuzugehören… wozu dann das »bi« im Namen der Gruppe?! Ich rede ja nicht mal von »der Szene«, sondern von gemischten Gruppen, die sich einmal die Woche treffen, um frei über all das reden zu können, worüber sie in ihrem heteronormativen Umfeld schweigen wollen oder müssen.

Dieses Gefühl, selbst dort als Bisexuelle nicht ernst genommen wird, macht mich wütend und frustriert! Und umso schlimmer, weil ich eben lange Zeit nicht 100%ig sagen konnte, was ich will und ob ich nicht nur deswegen eine Beziehung zu einem Mann eingegangen bin, weil es einfacher war, als eine Frau kennen zu lernen. Eventuell würde ich gar nicht darüber nachdenken, wäre das Wort »bisexuell« meinen Erfahrungen nach nicht eher negativ behaftet.

Und deswegen habe ich momentan das Gefühl, weder dazuzugehören noch zu wissen, wo ich eigentlich »dazugehören« möchte… aber Kommentare wie der meiner Freundin und dieses allgegenwärtige Gefühl, dass beide Seiten denken, ich würde nur eine »Phase« durchleben, stärkt mir bei meinen Selbstzweifeln nicht gerade den Rücken. :(

8 Antworten zu “Dazugehören

  1. Christian - Alles Evolution 08.01.2011 um 14:53

    Ich finde dies vor dem Gesichtspunkt der gerne behaupteten „Heteronormativität“ interessant. Wenn Lesbengruppen sich ebenfalls in dieser Form einigeln und Leute, die nicht bzw. nicht ganz ihrer Norm entsprechen, ausschließen, dann scheint es mir eher ein Gruppenprozess zu sein, der hinter der Vermutung der sexuellen Orientierung steht (bei den einen „sie wird schon wie die meisten Leute heterosexuell sein“, bei den anderen „sie wird, wenn sie zu uns gehören will, schon homosexuell sein“) und nicht ein gesellschaftliches Machtmittel

    • Puzzle 10.01.2011 um 15:14

      Hm. Ich wäre dennoch weit entfernt davon, zu behaupten, dass „Heteronormativität“ kein gängiges Modell ist, eben weil ein Großteil der Menschen wohl heterosexuell lebt und der Einfachheit halber erstmal von sich auf andere schließt. Viele Schwule und Lesben, die ich kenne, sind aber keinen Deut besser und gehen im „normalen Umfeld“ auch oft davon aus, dass der/die andere heterosexuell ist – einfach, weil dies die größte Wahrscheinlichkeit ist.*

      Ich bin ja nicht anders: Wenn jemand mit mir in einem Seminar sitzt, denke ich, das Thema interessiert ihn; sitzt er neben mir im Kino, denke ich, der Film oder das Genre interessieren ihn; taucht er in einer SchwuLesBiTrans-Gruppe auf, denke ich, er ist schwul, bi oder transsexuell.
      Wenn er mir allerdings als Unbekannter in der Bahn begegnet, würde ich wohl auch unbewusst davon ausgehen, er sei heterosexuell (wenn ich mir überhaupt Gedanken über ihn machen würde) – da setzt wohl einfach ein dem Menschen angeborenes Gruppendenken ein. Das Wichtige ist jedoch, bei einer Berichtigung dieser Annahme auch darauf einzugehen bzw. dies nicht zu ignorieren oder gar abzulehnen.

      (*Dies ändert sich jedoch, wenn der/die andere plötzlich a) in „ihrer abgeschotteten Community“ auftaucht oder b) sich nach bestimmten Merkmalen „ihrer Community“ verhält und somit ein Zugehören symbolisiert – dabei kann dies ja genauso missverstanden werden, denn eine kurzhaarige Frau nicht z. B. potentiell lesbischer als eine langhaarige.)

  2. Christian - Alles Evolution 10.01.2011 um 16:01

    „da setzt wohl einfach ein dem Menschen angeborenes Gruppendenken ein“

    Das würde ich auch so sehen. Habe ich hier mal ganz ähnlich geschrieben

  3. babydyke 11.01.2011 um 17:01

    Interessant. Kann deine Probleme mit der Zugehörigkeit gut nachvollziehen!

    Die Sache mit der Bisexualität ist ja eh schwierig – ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, Frauen, die sich als bi bezeichnen, innerlich „mehr hetero“ oder „mehr lesbisch“ einzuordnen.
    Gerade bei jungen Mädels ist es ja auch gern mal so, dass sie einen Abend lang mit ihrer besten Freundin rummachen, das cool finden, und von nun an „bi“ sind. Aber dennoch werden sie immer einen Freund haben. Das ist schon eine Art lesbischer Selbstschutz, diesem Typ Mädel dann aus dem Weg zu gehen…

    Und wenn eine bisexuelle Frau eher maskulin auf mich wirkt – dann tippe ich automatisch, dass sie wahrscheinlich eher auf Frauen steht, es aber angepasster Weise, oder aus Angst, oder warum auch immer, hinter dem Logo „bi“ verbirgt. Das gibts ja auch immer noch!
    Ich lasse mich natürlich auch gerne wieder korrigieren in meinem Bild – aber man neigt eben zum Kategorisieren…

    Das mit dem Dazugehören – da hab ich aber auch als entschiedene „Lesbe“ Probleme mit… Weil man auch in dieser Kategorie, wie in jeder wohl, mit Klischees konfrontiert wird, die nicht immer so zutreffen. Und wenn sie nicht zutreffen fühlt man sich anders, stellt sich immer wieder in Frage und landet doch beim selben Ergebnis.

    Seufz.

    • Puzzle 12.01.2011 um 9:24

      Ich kann deine Einordnung in „weniger lesbisch“ und „mehr lesbisch“ total nachvollziehen. Ich merke ja, wie ich das selbst auf andere, sogar auf mich selbst anwende – der Mensch neigt nun einmal dazu, beim erstren Eindruck zu werten, was ja auch normal ist. Allerdings stehe ich z. B. eher auf Frauen (daher Kinsey 4.5 ;)), bin allerdings eher der feminine Typ – viele, denen gegenüber ich mich geoutet hatte, glaubten mir (zu Anfang) eh nicht.

      Und du hast recht, man hat auch als „echte“ Lesbe Probleme mit der Dazugehörigkeit. Nicht nur wegen der Klischees, sondern weil es in einer Gruppe meiner Meinung nach keinen Sinn ergibt, sich NUR über die Sexualität zu definieren – wir sind ja doch alles ganz anders tickende Menschen. Dies ist auch ein Grund, warum ich die Jugendgruppen nicht so mag; ich habe viele Interessen, über die ich reden möchte, und dafür waren das einfach nicht die richtigen Leute.

      PS: Bei sehr jungen Leuten würde ich noch gar nicht auf etwas schließen, denn bi zu sein ist in einigen Kreisen gerade sehr „in“, wie mir scheint.

  4. Carsten 12.01.2011 um 14:42

    Eine Leserin bat mich, auf meinem Blog, einen von ihr geschrieben Artikel zu diesem Thema zu veröffentlichen.

  5. Luna 21.02.2011 um 17:29

    Ist schon etwas länger her, dein Artikel…
    aber grundsätzlich denk ich, Lesben, die gegen Bi’s „etwas haben“, haben (vermutlich wie Männer, wenn sie erfahren, dass ihre Partnerin auch eine gleichgeschlechtliche Beziehung haben könnte/will/hatte etc) einfach Angst, verlassen zu werden; nicht zu genügen.

    Bisexualiät wird tatsächlich oft als „Mode-Erscheinung“ getitelt, den Medien und auch der Pornokultur (oder eher den Männerfantasien?) sei dank. Und als eine-Frau-küssende kann ich dir sagen, viele versuchen echt, dich zu verarschen…

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