Zu dick, zu dünn, zu flach, zu kurvig? Alles Humbug!

In diesem Semester habe ich endlich mal wieder die Zeit gefunden, mich für einen Sportkurs anzumelden. Der fand am Mittwoch das erste Mal statt, und schon wenige Sekunden nach Betreten der Umkleide fühlte ich mich wieder in meine Schulzeit zurückversetzt; zu ähnlich waren die Verhaltensweisen.

Viele der anwesenden Frauen (zw. 20 und 60 Jahren) zogen sich unter teilweise erstaunlich akrobatischen Verrenkungen um, damit so wenig Haut wie möglich sichtbar wurde, die Blicke zu Boden gesenkt und alles ganz husch-husch. Zwischendurch hörte ich untereinander geflüsterte Entschuldigungen, dass keine Zeit gewesen wäre, die Beine zu rasieren oder dass die Oberschenkel nicht mehr so straff wären, weil die Zeit für mehr Sport fehle. Oder auch, dass die Haare leicht fettig wären, weil Wind und Mütze und so. Während ich das alles hörte, zog ich mich ebenfalls in Windeseile um, wohlwissend über meine unrasierten Beine, meine ganz gewiss nicht straffen Oberschenkel und meine zerzausten Haare, deren nächster Waschgang erst für den Abend angesetzt war. Nicht mal an farblich aufeinander abgestimmte Unterwäsche hatte ich gedacht!

Leider konnte ich das alles in dem Moment weniger humorvoll betrachten als jetzt im Nachhinein, da ich mich unwohl in meiner Haut und sehr beobachtet fühlte (was ich sicherlich nicht war, da die meisten zu sehr damit beschäftigt waren, sich ebenso schnell und unbemerkt umzuziehen). Und das, wo doch am Mittwoch der sogenannte Love Your Body Day war, wie ich durch die Mädchenmannschaft erfahren hatte.

Grundsätzlich ist es gar nicht so, dass ich meinen Körper nicht mögen würde – ich mag es nur nicht, ihn fremden Blicken auszusetzen. Wenn ich alleine zu Hause bin, laufe ich gerne nackt herum und schrecke keineswegs vor Ganzkörperspiegeln zurück, sondern tanze ganz im Gegenteil gerne davor rum oder inszeniere meine eigenen Modeschauen. Dieses Wohlfühlgefühl kann ich aber selten mit vor die Tür nehmen… ich kann es nicht mal in meinen eigenen vier Wänden spüren, sobald andere Personen anwesend sind. Selbst bei Menschen, mit denen ich schlafe / geschlafen habe.

Eigentlich ist das ein ständiger innerer Kampf, der in mir tobt – das Wissen, dass ich einen ähnlich geformten Körper habe wie x andere Menschen in meinem Umfeld vs. die Minderwertigkeitskomplexe in Bezug auf denselbigen. Um gegen diese Gefühle anzukämpfen oder sie gar für immer verschwinden zu lassen, reicht so ein Love Your Body Day leider nicht aus.

Auch mein Wissen um die halb-verhungerten und trotzdem noch gephotoshopten Models, um die Ungenauigkeit von Konfektionsgrößen und um all die feministischen Diskurse über Körperbilder reichen nicht, um die nagende Stimme in meinem Hinterkopf endlich zum Schweigen zu bringen.

Die Stimme, die das erste Mal auftrat, als ich in die Pubertät kam und mein Körper sich sichtlich veränderte: ich nahm zu, bekam ausgeprägte Hüften und sichtbare Brüste; kurzum, ich verlor meine knabenhafte Kinderfigur, die mich bisher immer als Jungen hatte durchgehen lassen (eine Annahme, die ich bei Fremden selten korrigierte, weil sie mir viel mehr Freiheiten erlaubte).

Der Beginn meiner Pubertät läutete daher in meiner Familie und meinem Verwandtenkreis die Ära der konstanten Kritik am meinem Aussehen ein. Bemerkungen wie »Du bist / du wirst zu dick!«, »Mondgesicht!« oder »Du hast einen Hintern wie ein [großes Tier einsetzen], iss mal etwas weniger / mach mehr Sport!« haben sich über die Jahre derart tief in mein Bewusstsein eingegraben, dass ich solche Bemerkungen inzwischen zwar nach außen hin als lächerlich abwinken kann, im Inneren jedoch sofort wieder in mein sicheres schwarzes Loch krieche, wenn ich so etwas gesagt bekomme.

Dabei war dies nicht mal böse gemeint, glaube ich, sondern als hilfreich erachtet – doch es half mir natürlich keineswegs, sondern ließ mich meinen Körper regelrecht hassen. Dabei hätte keine Diät der Welt meinen inzwischen eher sanduhrförmigen Körpertyp zurückverwandeln können zur knabenhaften Figur (was mir damals allerdings nicht bewusst war, zumal dies genau der Typ Mädchen war, auf den ich total stand). Ich versuchte mich trotzdem an irgendwelchen unwirksamen Diäten und trug generell sehr schlabbrige Kleidung, um meinen Körper darunter zu verstecken. Selbstredend ging ich auch nie freiwillig schwimmen, weil ich mich zu dick fühlte, um in der Öffentlichkeit gesehen zu werden.

Der zweite »große Scheiß«, der in der Pubertät eintrat, war unerwünschter Haarwuchs an allen möglichen Stellen. Zuerst störte mich das weniger, doch etwa in der 9. Klasse begann unter den Mädchen das Rasieren von Bein- und Achselhaaren (Schamhaare wurden damals noch größtenteils in Ruhe gelassen), welches mir meine Eltern – warum auch immer – strikt verboten hatten und wofür ich bei einmaliger heimlicher Ausübung mächtig Ärger bekommen hatte. Ich ließ also meine Körperhaare weiterhin in Ruhe und versuchte fortan, mich beim Sportunterricht in zwei Nanosekunden umzuziehen, nachdem ich schon absichtlich sehr spät zu diesem erschienen war. Wenn nämlich bei der ein oder anderen mal hier und da mal ein sichtbares Haar hervorblitzte, wurde dies von den Rasierten mit abschätzigen Blicken oder gar gehässigen Kommentaren kommentiert. Oder gar Damenbärte! Mit so etwas hatte ein Mädchen inoffiziell kein Recht mehr auf Existenz.

Als dann zudem immer mehr Klassenkameradinnen anfingen, sich zu schminken (im Alter von 15/16), wurden die Nicht-Schminkenden entweder zu Freiwild oder unsichtbar. M+bb+ng war in meiner Klasse generell ganz groß geschrieben, was sogar mit einem Klassenbesuch beim Psychologen endete… aber ich schweife ab.

Die von »den Medien« inszenierten Körperbilder waren mir schon damals reichlich suspekt und es gehörte für mich zum Beruf eines Models oder einer Schauspielerin dazu, dass sie einen großen Teil ihrer Zeit in Beschäftigung mit ihrem Gewicht und ihrem Aussehen verbrachten. So gesehen war diese Welt war ziemlich fernab von meiner Realität und galt mir nie als Beispiel. Auch habe ich in meinem Leben nur zweimal eine »Bravo Girl« gekauft – ich war eher »Wendy«-Leserin (bevor diese ebenfalls zum Mädchenmagazin verkam) und interessierte mich nicht für diese Beauty Tipps, da die eh nur darauf abzielten, irgendwelchen Jungs zu gefallen. Ich meine, Jungs interessierten mich ja nicht die Bohne zu dieser Zeit. ;)

Trotzdem ist es so, dass diese Schönheitsideale keineswegs an mir vorbeigegangen sind. Sie haben mich einfach über zwei Ecken erreicht, vor allem über mein (meist familiäres) Umfeld, welches diese mehr oder weniger für bare Münze nahm. Anders kann ich mir zumindest ihre Aussagen in Bezug auf meinen Körper nicht erklären. Ich schaffte es auch nicht, diesen irgendwie zu verändern (tatsächlich hat sich mein Gewicht seit meinem 17. Lebensjahr immer konstant im gleichen Fünf-Kilo-Bereich bewegt) und war daher in den Augen meiner Familie entweder »zu dick« oder sah aus »wie ein Junge« (weil: Schlabberlook und kein Make-up) – wenn ich nicht gerade aussah »wie ein zu dicker Junge«…

Spulen wir mal zehn Jahre vor zu heute: inzwischen weiß ich, dass es total Scheiße war, wie sehr ich mich durch die Meinung anderer habe beeinflussen lassen und wie lange es durch mein mangelndes Selbstbewusstsein gedauert hat, meinen Körper überhaupt zu akzeptieren. Und ich bin immer noch nicht da angekommen, wo ich hin will und habe regelmäßige Rückfälle, unterbrochen von »Ihr könnt mich alle, das ist MEIN Körper!!«-Trotzphasen. Aber ich habe in den letzten zwei Jahren viel dazugelernt und auch mein Verhalten gegenüber anderen verändert.

Daher ist dies mein Beitrag zum Love Your Body Day Life:

  • Ich gebe Komplimente, wenn mir etwas an anderen gefällt (Kleidungsstil, Schuhe, Make-up, wasauchimmer).
  • Ich glaube im Gegenzug Komplimente, die ich erhalte, anstatt sie zu negieren und/oder die Absicht dahinter zu suchen.
  • Wenn eine_r sich über das eigene Aussehen oder Problemzonen* beklagt, negiere ich diese Aussage nicht (à la »Bist du verrückt?! Du siehst doch voll toll aus / bist doch total schlank!«), sondern hebe viele positive Seiten hervor.
  • Ich stelle keine_n über andere (à la »XY ist jünger und hat doch schon viel mehr Falten als du!«) – Person A bringt dies nichts, und Person B verletze ich dadurch vielleicht noch. Vergleiche bringen doch sowieso nichts!
  • Ausnahme: Wenn sich eine_r mit mir vergleicht und behauptet, »schlechter« abzuschneiden, nenne ich irgendetwas, das mir an der anderen Person besser gefällt als an mir und worum ich sie daher beneide. (Meist sind das die Haare. *seufzel*) Und erwähne natürlich trotzdem, dass sich Menschen nicht 1:1 vergleichen lassen. ;)
  • Ich gebe nichts mehr auf Konfektionsgrößen, sondern kaufe das Stück, das mir am besten passt, egal ob 36 oder 42. Und wenn ich erstmal nähen kann, schneidere ich sowieso nach meinen Körpermaßen! Jawohl!

*Ich finde, dass es eigentlich keine »Problemzonen« am Körper gibt, sondern vor allem die Werbeindustrie diese Probleme kreiert.

20 Antworten zu “Zu dick, zu dünn, zu flach, zu kurvig? Alles Humbug!

  1. chaospueppchen 21.10.2011 um 14:37

    ich kenne das auch sehr gut mit den kommentare aus dem umfeld. ständig bekommt man doch von den eltern zu hören, man sähe ganz schön mager oder dicker aus (beides bei mir schon vorgekommen). Spricht man sie drauf an, dann sagen sie: war doch gar nicht so gemeint etc.

    was bei mir noch hinzukommt ist eine relativ problematische beziehung zum essen. ich schwanke dabei sehr stark zwischen tagen bzw. zeiten, in denen ich kaum esse bis zu zeiten, in denen ich besonders viel essen kann. ich weiß, dass das sehr stark von meinem stresslevel und auch glückslevel abhängt. Dies hat auch, als ich noch sehr jung war, meine tante bemerkt und meinte, man könne immer daran ablesen, dass wenn ich viel esse, es mir gut ginge. irgendwie ist das aber sehr negativ bei mir hängen geblieben….

    es ist schon manchmal erschreckend, wie tief solche, nicht ganz ernst oder unreflektiert daher gesagten sachen, einen ganz schön aus der bahn werfen können.

    • Puzzle 24.10.2011 um 7:56

      Aber echt! Bei mir wirken sich äußere Umstände auch sehr stark auf mein Essverhalten aus, und am krassesten fand ich es, als ich das erste Mal in meinem Leben so wahnsinnigen Liebeskummer hatte, dass ich monatelang kaum etwas zu mir genommen hatte. Ich war innerlich völlig ausgemergelt, bekam aber plötzlich reihenweise Komplimente, ich hätte ja so abgenommen / sei so schön schlank blablabla. Es ging mir verdammt dreckig, aber nach außen hin nahmen die meisten nur diese oberflächliche Kacke wahr – da wundert es mich nicht, dass immer mehr Menschen in Essstörungen abrutschen!

  2. The Bruteforcer 21.10.2011 um 15:25

    Ein schöner Artikel, bei dem ich teilweise schmunzeln musste :)
    Sehr gut finde ich deinen Gedankengang zu Vergleichen und Komplimenten – wobei es manchmal doch witzig ist, wenn zwei Mädels sich streiten, wer denn nun schöner ist (immer die jeweils andere) ^^
    Blöd nur, wenn man dann als Außenstehender gefragt wird, ein “ich find euch beide hübsch” hilft da in den seltensten Fällen ._.

    Das Problem, mit dem eigenen Körper unzufrieden zu sein, kenne ich aber auch; mir sagt zwar keiner, ich sei dick, aber ich habe doch das Gefühl, einen störenden Bauchansatz zu haben. :/
    Naja, ist aber eigentlich egal, denn es kommt (zum Glück) so gut wie nie vor, dass ich mich irgendwo ausziehen müsste.

    Freue mich übrigens, dass du mal wieder was geschrieben hast, ich dachte schon, du hättest deinen Blog hier aufgegeben :(

  3. Bäumchen 21.10.2011 um 16:24

    Cooler Artikel. Mein Horror: Als meine Brüste wuchsen … viel zu früh, nämlich schon mit 8. Da ich mich auch gerne damals als Junge identifizieren ließ, war es umso schrecklicher. Heute weiß ich, dass es Behandlungen gibt, die einen so frühen Eintritt in die Pubertät verhindert hätten. Es hätte mir einige schöne Jahre Kindheit zurückgegeben. Stattdessen musste ich mich damit beschäftigen, meinen Körper zu verstecken, und war von meinem eigenen Bild so beschämt, dass ich als damals berüchtigte Wasserratte bis heute nicht mehr ohne weiteres schwimmen gehen kann.

  4. payoli 21.10.2011 um 18:41

    2 Punkte möchte ich beitragen zu diesem Thema:

    * Wer sein ganzes Leben und Sein so sehr auf Attraktivität einstellt, wie Frauen das trotz aller Emanzipation noch immer tun, hat natürlich auch die Nachteile davon zu tragen. Oder übers Leben gesehen: Die Schönheits- Vorteile der Jugend fallen einem eben im Alter auf den Kopf.

    * Einfach zu sein, einfach zu essen was schmeckt ist unser – seit Evolutions- Jahrmillionen enstandenes und gewohntes – Geburtsrecht und wäre auch ok.
    Nur haben wir uns mit unserer Kultur und Zivilisation in eine so katastrophale Ernährungs- und Lebensweise- Sackgasse manövriert, dass das heute leider nicht mehr gilt und möglich ist!
    Es werden uns Mengen und Intensitäten von Nahrungsmittel vor die Nase gesetzt wie nie zuvor in unserer Geschichte.
    Was früher normal war, nämlich was und solange es uns schmeckt zu essen, ist heute ein Garant für spätere Adipositas, Diabetes, Krebs, Arthrosen, Allergien, Asthma, und, und, und.
    Denn wir kommen praktisch nur mehr an absolut nichtartgerechtes Essen, dass gefährlich hochkalorisch und unverantwortlich krankheitserregend ist. Genaueres dazu gibt es täglich auf meinem blog.

    Liebe Grüße und
    paradise your life ! ;-)

    • Puzzle 24.10.2011 um 7:40

      Wer sein ganzes Leben und Sein so sehr auf Attraktivität einstellt, wie Frauen das trotz aller Emanzipation noch immer tun, hat natürlich auch die Nachteile davon zu tragen.

      Wie andere bereits anmerken, wird dieser Druck ja größtenteils von außen an eine_n herangetragen. Davon abgesehen ist es trotzdem Quatsch, dass das “ganze Leben und Sein” einer Frau auf Schönheit ausgerichtet ist – bitte unterlasse solche pauschalen Aussagen, danke.

  5. celilander 21.10.2011 um 19:18

    Guter Beitrag und vor allem die Schlüße die du daraus gezogen hast sind interessant. Als Kerle sollte man sich die Empfehlungen evtl als Leitlinie nehmen da Frauen ja irgendwie resistent wirken wenn man Ihnen so Gedanken ausreden möchte. Vielen Dank fürs texten.
    Henrik

  6. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » feministische Mütter, lesbische Nationalparks und schwule Muslime: Die Blogschau

  7. haiwen 22.10.2011 um 21:58

    @payoli: “Wer sein ganzes Leben und Sein so sehr auf Attraktivität einstellt, wie Frauen das trotz aller Emanzipation noch immer tun, hat natürlich auch die Nachteile davon zu tragen.” Gerade nach der Lektüre eines Artikels, der sehr genau den sozialen Druck beschreibt, der hinter Körpernormen steht, sowie all die Mechanismen, über die der Druck verbreitet wird … kommt so ein Kommentar sehr unreflektiert. “Selber schuld, also trag halt die Konsequenzen?” So einfach ist das eben nicht. Solch Aussagen verkennen völlig die Ausmaße von Schönheitsterror und machen das zum individuellen Problem einer jeden Frau, wenn es doch eine gesamtgesellschaftliche Veränderung braucht!

  8. kiturak 22.10.2011 um 22:00

    ähm payoli, ich hab’ mir das nicht ausgesucht, wesentlich über meinen Körper bewertet zu werden, danke. Das Ding heißt Sexismus.

    Also! Ich nehme seit einigen Jahren zu, nachdem ich sehr lange immer etwa gleich viel gewogen habe, und es war eine ganze Weile schwierig für mich, mich darauf einzustellen. Ausgerechnet von meiner wirklich dünnen Freundin hab ich die simpelste Sache von allen übernommen (wann immer es geht, ist für mich eine Geldfrage, und ich sitze noch gut am Rand des “Normalmaß”-Privilegs): passende Klamotten tragen. Das klingt so selbstverständlich und ist es garnicht, grad wenn sich dein Gewicht verändert, und du es einfach nicht gewohnt bist, dafür dauernd neue Klamotten zu kaufen. Ich war ganz lang in so einer Art unbewussten Trotzhaltung. Jedenfalls, ich war grad zum H&M zurückgelaufen, um 40 gegen 42 umzutauschen, als sie meinte, sie würde ohnehin nur noch 44 tragen. Kam ich mir blöd vor.

    Die Tipps sind jedenfalls sehr schön.

  9. Ann {Bittersuesz} 23.10.2011 um 11:53

    Sehr schöner Artikel, einfach total authentisch!

  10. viruletta 23.10.2011 um 18:38

    Wirklich toller Beitrag, vielen Dank dafür!

    Was mir immer wieder dabei hilft, mit meinem Körper zumindest halbwegs Frieden zu schließen, nenne ich “mein feministisches Gewissen”. Das Private ist nämlich auch in diesem Fall politisch und Menschen nehmen nicht nur die gephotoshoppten Models zum Vorbild, sondern auch die Freundin, Schwester, Mutter, Tochter, Nachbarin, Arbeitskollegin, Kommilitonin usw. Wir alle sind irgendwas davon und wir alle sind in gewissen Momenten für gewisse Personen Vorbilder. Wir alle konstruieren unsere gesellschaftliche Realität mit und wir alle bestätigen die sexistischen Spielregeln, in dem wir sie befolgen. Ich habe in meinem eigenen Umfeld festgestellt, dass es auch auf andere abfärbt, wenn du selbst diese Regeln nicht mehr so ernst nimmst, die ungeschriebenen Gesetze nicht mehr anzuerkennen bereit bist. Das liegt auch daran, dass gerade weiblich kategorisierte Personen von der Gesellschaft immer wieder in Konkurrenz zueinander gesetzt werden. Wenn es niemenschen mehr gibt, von dem du negativ abgegrenzt werden kannst, verlieren so Sachen wie BMI-Werte ihre Bedrohlichkeit. Probierts mal aus; ich wette euer Körperbewusstsein ist ein komplett anderes, wenn ihr zB gerade von einem Ladyfest nachhause kommt, als wenn ihr soeben eine klassische “Frauenzeitschrift” durchgeblättert habt. Was ist die Norm, wer gibt sie vor und vorallem; wer hält sich daran? Die Antworten auf diese Fragen haben entscheidenen Einfluss auf unser Selbstbewusstsein. Aus diesen Gründen versuche ich selber ein positives Vorbild zu sein – nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.

  11. l. 23.10.2011 um 19:58

    Irgendwie werd ich mit den Tipps nicht grün. Wenn mensch sich wieder gegenseitig Komplimente gibt, dass etwas schön ist, bleibt es doch dabei, dass Aussehen bewertet wird und mensch auch wieder anfangen kann, sich danach zu richten, was andere schön finden. Ich finde jedenfalls genau wegen meiner Ablehnung von Schönheitsidealen Komplimente komisch, auch wenn sie für nicht ganz normgerechte Eigenschaften gegeben werden, das Verständnis von Schönheit also erweitert wird.

    Aber „natürlich“ habe auch ich Vorstellungen von Schönheit. Keine Komplimente zu geben verschleiert diese Tatsache nur. Wahrscheinlich werden wir wohl nicht so schnell um Schönheitsideale drumrum kommen. Gute Ansätze, wie es doch gelingen könnte, habe ich auch erstmal keine.

    Also wenn du und die Leute, mit denen du Komplimente austauschst sich damit besser fühlen, ist das ja schonmal was. Es wäre mir aber wichtig darauf hinzuweisen, dass nicht alle die Meinung anderer Leute zu ihrem Aussehen hören wollen.

    • Puzzle 24.10.2011 um 7:49

      Hm, wenn du natürlich Komplimente in Bezug auf Aussehen generell ablehnst, dann ist es natürlich schwierig. Und du musst dies ja auch nicht tun. Ich schrieb ja auch, dass ich eher nicht-körperliche Eigenschaften hervorhebe (Frisur, Kleidung etc.), denn das sind ziemlich beeinflussbare Sachen und zudem viel mehr Geschmackssache als Körperbilder es sind.

      Oder ich sag’s mal so: Zumindest in Berlin gibt es so viele verschiedene Stilrichtungen und Variationen, dass ich nicht glaube, dass sich eine_r an Komplimenten orientiert und fortan nur noch das anzieht, was ich schön fand. Aber du hast natürlich Recht, dass auch dies unter Umständen mit Vorsicht zu genießen ist.

      Es wäre mir aber wichtig darauf hinzuweisen, dass nicht alle die Meinung anderer Leute zu ihrem Aussehen hören wollen.

      Klar, sehr wichtiger Punkt! Aber es ist halt ‘ne Gratwanderung, denn ich habe Menschen schon sehr vor den Kopf gestoßen, weil ich sehr irritiert auf Komplimente reagiert habe. Ich finde, es gehört schon ‘ne große Protion Selbstbewusstsein dazu, das so direkt zu sagen. Oder?

  12. fettseure 23.10.2011 um 22:31

    Mir hat der Artikel auch sehr gut gefallen und ich habe mich teilweise darin wiedererkannt.
    Vielen Dank fürs Posten.

  13. Khaos.Kind 24.10.2011 um 1:54

    Huhu,

    Ich mag an deinem Beitrag, dass er direkt deutlich macht, was jetzt alles mit reingewirkt haben könnte bzw. Anteil hatte an deinem Körperempfinden. Und mir ist dann auch gleich einiges eingefallen, was mir immer wieder begegnete und welche meiner Verhaltensweisen wahrscheinlich einen ähnlichen Ursprung haben (auch wenn die Gewichts/Konfektionsdebatte einfach an mir vorbei geht, weil ich etwa 20cm kleiner als die Meisten bin und das alle Maßstäbe für Vergleiche aushebelt).

    Das mit den Komplimenten austeilen/annehmen mache ich übrigens auch :)
    Was mir an dem Beitrag ein bisschen fehlt, ist das direkte Infrage-stellen von Körpernormen im Gespräch mit anderen. Positives hervorzuheben ist das eine und unglaublich wichtig. Aber andere mal nach den Maßstäben zu fragen, an denen sie sich orientieren – ohne zu irgendwas zu bekehren/belehren – halte ich auch für einen Ansatzpunkt, der nicht vergessen werden darf. Ich habe bisher überaus interessante Geschichten und Menschen dadurch kennen gelernt.

    • Puzzle 24.10.2011 um 7:53

      Aber andere mal nach den Maßstäben zu fragen, an denen sie sich orientieren – ohne zu irgendwas zu bekehren/belehren – halte ich auch für einen Ansatzpunkt, der nicht vergessen werden darf. Ich habe bisher überaus interessante Geschichten und Menschen dadurch kennen gelernt.

      Ja, das ist auch sehr wichtig. Unter engen Freund_innen tue ich dies tatsächlich, wobei diese eher selten in so engen Normen denken bzw. wir gemeinsam begonnen haben, un mit Körperbildern etc. zu beschäftigen und diese zu hinterfragen.

      Bei anderen muss ich echt ‘nen guten Tag haben, um die Kraft dafür überhaupt aufbringen zu können. :/

  14. John Dean 04.11.2011 um 19:52

    Ich glaube, nach einigen Negativerlebnissen mit meinem eigenen Körper, dass der Fitnessgrad (muss aber nicht übertrieben sein), noch relevant ist. Vielleicht noch, ob wenigstens noch ein wenig Taille vorhanden ist. Aber alles andere: Ist doch verblüffend unwichtig, sowohl in Hinblick auf die Attraktivität, als auch sonstwie. Ein einzelnes Lächeln wiegt jederzeit, nach meinen Erfahrungen, 30 Kilo Übergewicht auf.

    (und da weiß ich genau, wovon ich spreche…)

    • Puzzle 06.11.2011 um 11:50

      Ist prima, wenn das für dich so ist. Wirklich. Leider stehen neben deiner Meinung noch mehrere Billion andere, die Frauen* (und Männern*) das Leben schwer machen. Es kann sich z. B. auch nicht jede_r sportlich betätigen (aus gesundheitlichen, finanziellen, zeitlichen, … Gründen), von daher ist auch das mit dem “Fitnessgrad” schwierig – zumal auch Schlanke äußerst unfit sein können.

  15. John Dean 06.11.2011 um 13:27

    Anmerkung von Puzzle: Der folgende Kommentar gibt (ebenso wie mein Blog) eine Einzelmeinung wieder! Diese entspricht stellenweise nicht meiner, aber das sind halt persönliche Ansichten – ich lasse diese hier stehen, da sich der Autor viel Mühe mit einem so langen Text gegeben hat.

    Das mit der Fitness ist ja auch mehr ein Ding des eigenen Sichwohlfühlens. Ich bin gerade das zweite Mal dabei, das für mich zu entdecken, diesmal aus der Position eines teils kranken, geschwächten Menschen heraus. Dabei mache ich die für mich teils verblüffende Erfahrung, dass meine eigene Fitness stärker als “Gewicht”, “Aussehen” nicht nur mein Wohlbefinden beeinflusst, sondern auch meinen (soll jetzt nicht doof klingen) “Flirterfolg”.

    Wenn ich so auf meinem Rennrad durch die Stadt heize (eigentlich: garnicht mal sonderlich schnell, aber scheinbar wirke ich dann doch ziemlich sportlich – trotz knapp über 110 Kilogramm auf meinen Rippen), dann wundere ich mich immer wieder über die Leichtigkeit des Flirtens und über die mitunter sensationell hübschen Frauen, die mir zurück- bzw. zulächlen oder -zwinkern.

    Wie gesagt: Mich verblüfft das doch etwas. Und es passt auch nicht zum eigenen Selbstbild, dass es mit meinem Übergewicht generell “ganz schön schwierig” sein wird. Wobei Flirten und “mehr als Flirten” schon mal zwei enorm unterschiedliche Schuhe für mich sind. Ich benötige i.d.R. ziemlich lange und wechselseitiges Vertrauen, bevor ich echtes Interesse entwickele. Okay, das ist nochmal ein ganz anderes Thema, aber ich fand es für mich enorm hilfreich, in deinen Texten etwas herauszulesen, wo ich mich wiederfinden konnte.

    Es kann sich z. B. auch nicht jede_r sportlich betätigen (aus gesundheitlichen, finanziellen, zeitlichen, … Gründen), von daher ist auch das mit dem „Fitnessgrad“ schwierig – zumal auch Schlanke äußerst unfit sein können

    Ja, ich finde da hast du wieder recht. Aber stell dir die “Fitness”, die ich nannte, bitte nicht so vor wie das elende Zerrbild in den Medien, wo schon ein(e) Durchschnittsmoderator/in i.d.R. ein(e) verkappte(r) Hochleistungssportler/in ist.

    Eigentlich – genügt es für die von mir gemeinte Allerweltsfitness zwei Mal die Woche 30 Minuten lang zügig Fahrrad zu fahren. Aufgrund gesundheitlicher Probleme habe ich ziemlich lange benötigt, um überhaupt diesen Zustand zu erreichen (am Anfang bin ich sogar mehrfach aus Schwäche vom Fahrrad gefallen, und das, obwohl ich früher mal so richtig superfit war mit jährlich mindestens 3.000 Fahrradkilometern und viel anderen Sport dazu).

    Aber sogar diese “Allerweltsfitness” fehlt vielen Menschen, und mein Eindruck ist sogar, dass das auch an medialen Zerrbildern liegt, sodas sich viele Menschen nicht trauen (!), sich z.B. auf ein geeignetes Fahrrad zu setzen (oder anderen Sport zu treiben), weil sie Angst davor haben, dann irgendwie doof auszusehen.

    Und auf “Attraktivität” hat das eine recht große Auswirkung, meiner Erfahrung nach. Bei mir ist es zwar nicht so, dass eine unfitte Frau zwangsläufig unattraktiv für mich ist, aber in der Tendenz ist es aber schon so, dass eine (pardon für die folgenden Worte, die evtl. diskriminierend wirken könnten – ich bekomme es grad nicht besser hin) “klapprige, unfitte schlanke Frau” auf mich deutlich weniger attraktiv wirkt als eine “alltagsfitte BMI-30-Frau”.

    Da kann ich nur für mich sprechen, aber ich denke, es gibt in unserem Land schon einige Millionen anderer Männer/Frauen, bei denen das ganz ähnlich ist. Generell habe ich den Verdacht, dass ein tendenziell sexistisches und auf Äußerlichkeiten abstellendes Bild von Männern und Frauen in den Medien vielleicht am Ende sogar deutlich daran vorbei zielt, was Attraktivität für die meisten (!) Menschen ausmacht. Möglicherweise ist Alltagsfitness und auch emotionale Nähe/Vertrautheit für sexuelle Attraktivität viel entscheidender, als wir es (in der Mehrheit) von uns selbst (!) glauben. Und auch die Vorstellung von “Superfitness”, wie sie in den Medien offen und verdeckt eine große Rolle spielt, hat imho keine sonderliche “attraktivitätssteigernde” Bedeutung. Jedenfalls ist für mich eine supersportliche Frau zwar nicht abschreckend (ab dem Stadium “nur noch Muskeln” dann aber doch), aber eine moderate Alltagsfitness wirkt auf mich (und auf viele andere Männer) noch einmal attraktiver.

    (was ja ganz interessant anders ist, als das Frauen- und Männerbild in den Medien nahe legt)

    Was ich bzw. meinen (leider begrenzten) Erfahrungshorizont betrifft, gibt es noch einen zweiten Faktor neben dieser “Alltagsfitness”, welche dem medial vermittelten Schönheits- und Attraktivitätsideal gleich doppelt entgegen läuft.

    Nämlich die Art und Weise, wie wir agieren.

    Ich bekomme es nicht besser formuliert, bin mir dabei aber ziemlich sicher – sowohl in Bezug auf meine eigene Attraktivität (wie ich auf Frauen wirke), als auch umgekehrt. Es ist nämlich so, dass dort, wo ich besonders “ich selbst” bin (mit allem Positiven, Idealistischem, aber auch Negativem und/oder Problematischen) – und auch besonders unbefangen und alltäglich, und mich also besonders frei ausleben kann: dass ich dort besonders attraktiv bin – und zwar in einem Maße, das mich immer wieder überrascht. Das gilt auch ganz klar für die Gegenrichtung. Auf mich wirken Frauen für mich besonders attraktiv, wenn sie (klingt vielleicht doof, aber das trifft es für mich) besonders “sie selbst” sind.

    Bei anderen Menschen sieht es natürlich wieder anders aus. Ein Freund von mir “steht” auf eine bestimmte Frisur bei Frauen (Pagenkopf u.ä.). Obwohl er sagt, er finde üppige oder dicke Frauen unattraktiv, ist es bei ihm eindeutig die weibliche Frisur, die den entscheidenden Unterschied ausmacht – und ihn dann sogar treu werden lässt. Ein anderer wiederum kann nur mit Frauen etwas anfangen, die sich übertrieben stark und “püppchenhaft” schminken. Alles andere wird dann wieder zweitrangig.

    Vielleicht klingt das alles ziemlich bizarr, keine Ahnung, aber ich kenne mehr Männer, deren weibliches Attraktivitätsideal außerhalb der in den Medien transportierten Vorstellungen liegt – als solche, die etwas mit – beispielsweise – “Modell-Schönheiten” anfangen könnten.

    Keine Ahnung, ob mensch das verallgemeinern kann (ich vermute aber, dass das geht). Aber wenn das stimmt, dann sind auch die gewöhnlichen “cis-Heterosexuellen” in einer Art “Matrix” gefangen, die ihnen nicht gerecht wird.

    Das wahre Leben ist viel bunter und vielfältiger!

    P.S.
    Und nimm mir meinen Hinweis auf Alltagsfitness bitte nicht übel. Für mich, meine Gesundheit und mein Wohlbefinden ist das z.Zt. ein Riesenthema, und ich stoße fast jeden Tag Denkesgebete und ähnliche Gefühle in die Luft, dass es mir nach fast 18 Monaten Kampf und Krampf gelungen ist, wieder halbwegs fit und bewegungstüchtig zu sein, dass ich wieder Freude an der eigenen Bewegung und körperlichen Anstrengung habe. Ich kann mich endlich wieder einfach so aufs Fahrrad zu schwingen, mit voller Lust – gleichwohl übergewichtig – ein knappes Stündlein durch die Stadt heizen. Just for fun!

    Vermutlich sehe ich die Dinge aufgrund meiner eigenen Problemlage und Situation alles andere als objektiv. Aber vielleicht sind meine Erfahrungen ja für andere interessant oder sogar hilfreich. Das würde mich freuen.

    P.P.S.
    “enn du schreibst: “zu dick, zu dünn, zu flach, zu kurvig? Alles Humbug!” dann möchte ich das ausdrücklich unterstützten. “Alltagsfitness”, Lebensfreude und Selbstentfaltung finde ich in Sachen Attraktivität und Selbstwertgefühl allemal wichtiger als rein äußerliche Attribute. Außerdem ist jeder Mensch halt anders – und das ist doch wunderbar!

    (sowas in der Art wollte ich mit meinem langen Kommentar sagen – *g*)

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